Das 1970 im Kinderbuchverlag Berlin erschienene Werk „So ein Struwwelpeter“ ist eine satirisch-humorvolle Neuinterpretation des Klassikers von Heinrich Hoffmann. Hansgeorg Stengel (Texte) und Karl Schrader (Illustrationen) verbinden pädagogische Botschaften mit einer lockeren, ironischen Erzählweise, die sowohl Kinder als auch Erwachsene anspricht. In 13 Kurzgeschichten werden Verhaltensweisen überspitzt dargestellt und deren Konsequenzen humorvoll verdeutlicht. „So ein Struwwelpeter“ ist inzwischen in der "20. Auflage bei Beltz | Der KinderbuchVerlag erschienen.
Inhaltliche Zusammenfassung: Die 13 Geschichten
Die Reime von Hansgeorg Stengel sind prägnant und humorvoll. Jede Geschichte folgt einem klaren Muster: Ein Kind verhält sich auf eine bestimmte Weise unangemessen, was zu einer unerwarteten Wendung führt. Hier ein Überblick:
Die Geschichte vom bockigen Martin
Martin ist trotzig und uneinsichtig, bis ein Ziegenbock ihn buchstäblich „auf die Hörner nimmt“. „Der Ziegenbock, von Wut entfacht, hat nun das Märchen wahr gemacht und stieß mit ärgerlichem Fluch den Martin aus dem Bilderbuch.“
Die Geschichte vom Tierquäler Matthias
Matthias quält Tiere, bis diese sich wehren. Ein Stinktier revanchiert sich mit einem humorvollen Seitenhieb: „Allein das Stinktier freute sich: ‚Matthias riecht so gut wie ich!‘“
Die Geschichte von der faulen Angelika
Angelika isst viel und bewegt sich wenig, bis sie buchstäblich platzt: „Es kommt zu einem Zwischenfall: Du platzt, mein Kind, mit lautem Knall!“
Die Geschichte von der eigensinnigen Ulrike
Ulrike ist geizig und denkt nur an sich. Ihre Habgier führt schließlich zu Problemen. „Nein, Ulrike, muß man sagen, war als Kind kaum zu ertragen.“
Die Geschichte vom fernsehverrückten Frank
Frank verbringt seine Tage ausschließlich vor dem Fernseher. Weder Arzt noch andere Bemühungen helfen: „Niemand, nicht mal Doktor Sieber, heilte Frank vom Fernsehfieber.“
Die Geschichte vom Kaputtmacher Siegfried
Siegfried zerstört alles, was ihm in die Hände fällt, und bleibt am Ende mit kaputten Dingen allein. „Siegfried war ein Satansbraten, tat nur immer böse Taten.“
Die Geschichte vom verbrannten Spielzeug
Roderich und Rosalinde zündeln und verlieren dabei all ihre Spielsachen. Übrig bleibt nur ein Symbol: „Alles, was noch übrigblieb, war die kleine Blechmaus Piep.“
Die Geschichte vom Mäkelfritzen
Fritz will nur Stachelbeeren essen und wird schließlich mit einer satirischen Wendung konfrontiert: „...oder Stachelbeerengrütze – so was schmeckte Mäkelfritze.“
Die Geschichte von der Daumenlutscherin
Sibylle Sibylle lutscht ständig ihre Daumen, bis diese „wandern“ gehen: „Und die Daumen wandern, wandern flink von einem Ort zum andern.“
Die Geschichte vom Faxenmacher Franz
Franz macht ständig alberne Faxen, bis er im Zirkus mit einem Affen verwechselt wird. „Ein Faxenmax, der Firlefanz und arge Possen trieb, war Franz.“
Die Geschichte von der ungezogenen Luise
Luise spielt trotz Warnungen auf der Straße, bis sie von der Müllabfuhr eingesammelt wird: „Auch den Garten und den Hof fand Luise öd und doof.“
Die Geschichte vom Stromer Johannes
Johannes streunt ziellos umher, bis er sich im Schnee verläuft und bei Tieren Schutz sucht. „Schon fiel vom Himmel kalter Schnee. Mit Hirsch und Reh am Futterplatz hockt nun zerknirscht der Hosenmatz.“
Die Geschichte von der alten Oma Enzenbach
Tom und Tim ärgern die hilfsbereite Oma Enzenbach, die später jedoch ihr Leben rettet: „Nun sitzen, triefend naß und schwach, am Herd der Oma Enzenbach die Buben, denn ihr Bauch tut weh, und schlürfen heißen Fliedertee.“
Illustrationen und Stil
Die Illustrationen von Karl Schrader fangen die satirischen und humorvollen Nuancen der Geschichten ein. Sie greifen den klassischen Stil des Struwwelpeter auf, ergänzen ihn jedoch um moderne, farbenfrohe Akzente. Besonders bemerkenswert ist die Symbiose zwischen Bild und Text, die die humorvollen Wendungen der Geschichten unterstreicht.
Hansgeorg Stengels Reime sind klar und eingängig, was die Geschichten sowohl zum Vorlesen als auch zum Selbstlesen geeignet macht. Der ironische Ton sorgt dafür, dass die Lektionen nicht belehrend wirken, sondern mit einem Augenzwinkern vermittelt werden.
Ist das Buch noch zeitgemäß?
Die Geschichten sind pointiert, klar formuliert und greifen universelle Themen auf, die in jeder Generation relevant bleiben. Übermäßiger Konsum, Bewegungsmangel, Egoismus oder Respektlosigkeit sind keine neuen Probleme, sondern Herausforderungen, die sich mit der Zeit nur in neuen Formen zeigen. So ist der „fernsehverrückte Frank“ heute ein Sinnbild für den übermäßigen Konsum von Smartphones, Streaming-Diensten oder digitalen Spielen, während Angelikas Faulheit das Thema eines gesunden Lebensstils humorvoll aufgreift.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Fähigkeit der Geschichten, Kinder direkt und ohne erhobenen Zeigefinger anzusprechen. Der Humor und die Übertreibung – wie beim „Platzen“ der Angelika – erfordern keine zusätzliche Erklärung. Kinder verstehen intuitiv, dass diese Übertreibungen nicht wörtlich gemeint sind, sondern als spielerische Warnung dienen: „Angelika, nun sieh dir an, was bald mit dir passieren kann!“ Solche klaren, aber humorvollen Botschaften machen das Buch zeitlos und ansprechend.
„So ein Struwwelpeter“ ist ein zeitloses Werk, das Humor und Pädagogik auf kreative Weise verbindet. Die pointierten Reime von Hansgeorg Stengel und die lebendigen Illustrationen von Karl Schrader machen das Buch zu einem Erlebnis für Leser jeden Alters. Es bleibt ein originelles Beispiel dafür, wie Kinderliteratur ernsthafte Botschaften vermitteln kann, ohne belehrend zu wirken.
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