Samantha Harvey wurde für ihren Roman Orbital mit dem Booker Prize 2024 ausgezeichnet, einem der renommiertesten Literaturpreise der Welt. Der Preis, dotiert mit 50.000 Pfund (etwa 60.000 Euro), würdigt literarische Werke von besonderer Qualität. Harveys Sieg ist bemerkenswert: Seit 2019 ist sie die erste Frau, die diese Auszeichnung erhält. Die Jury hob die außergewöhnliche Sprache, die inhaltliche Prägnanz und die mutige literarische Konzeption des Werks hervor.
Das Buch, das Harvey selbst als „Pastorale des Weltraums“ bezeichnet, entführt seine Leser auf eine Reise ins All und eröffnet zugleich neue Perspektiven auf die Erde und die Menschheit. Es verbindet poetische Beschreibungen mit philosophischen Gedanken und verzichtet bewusst auf einen konventionellen Erzählstil. In deutsch ist das Buch unter dem Titel: Umlaufbahnen bei dtv am 14. November 2024 erschienen.
Die Handlung von „Orbital“
Orbital spielt auf der Internationalen Raumstation (ISS) und erzählt von einem einzigen Tag im Leben der sechs Besatzungsmitglieder. Astronauten und Kosmonauten aus verschiedenen Ländern – darunter die USA, Russland, Japan, Italien und Großbritannien – verrichten ihre alltäglichen Aufgaben im Orbit, während sie auf die Erde hinabblicken und über ihr Leben und die Zerbrechlichkeit ihres Heimatplaneten nachdenken.
Im Zentrum des Romans stehen nicht die Charaktere im klassischen Sinne, sondern ihre Reflexionen und Erlebnisse als Sinnbilder für die Menschheit. Chie, eine japanische Astronautin, erhält die Nachricht vom Tod ihrer Mutter, was in ihr eine Kette von Erinnerungen und Emotionen auslöst. Shaun, ein Amerikaner, erinnert sich an seine Zeit als Kampfpilot und die Konflikte, die ihn geformt haben. Währenddessen bieten Alltagsszenen wie die Reparatur von Toiletten oder die Pflege von Pflanzen auf der Station einen Kontrast zu den philosophischen Fragen, die der Roman aufwirft.
Die Erde wird aus der Perspektive der Astronauten als eine fragile, atemberaubend schöne Kugel beschrieben – frei von den sichtbaren Grenzen, die sie auf der Oberfläche prägen. Dieser Kontrast zwischen der Harmonie des Planeten und den Konflikten seiner Bewohner bildet einen zentralen Spannungsbogen des Romans.
Ein Werk voller Themen und Fragen
Samantha Harvey gelingt es in Orbital, die besondere Perspektive des Weltraums zu nutzen, um eine neue Sicht auf globale Verantwortung und Zusammenarbeit zu eröffnen. Der Roman thematisiert die Zerbrechlichkeit der Erde und stellt die Frage, wie Menschen in einer Welt voller Konflikte und Umweltkrisen zusammenleben können. Die Astronauten, die voneinander abhängig sind, stehen symbolisch für die Schicksalsgemeinschaft der Menschheit. Trotz der geografischen und politischen Unterschiede verbindet sie ein gemeinsames Ziel: das Überleben und der Schutz ihrer Heimat.
Die poetischen Beschreibungen der Erde aus dem All sind ein Kernstück des Romans. Harvey malt lebendige Bilder von ozeanischen Blautönen, gewittrigen Stürmen über tropischen Inseln und dem goldenen Schimmer der Sahara. Diese Passagen sind eine stille Liebeserklärung an die Erde und zugleich eine Mahnung, wie verletzlich sie ist.
Doch Orbital ist kein Roman, der einfache Antworten liefert. Stattdessen öffnet er Raum für Fragen: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Wie können wir unsere Verantwortung gegenüber der Erde und anderen Menschen wahrnehmen?
Eine mutige Gewinnerin des Booker Prize
Die Jury unter der Leitung des britischen Künstlers und Autors Edmund de Waal lobte Orbital als ein Werk von „außergewöhnlicher Schönheit und literarischer Präzision“. Besonders beeindruckte die Fähigkeit des Romans, große, globale Themen auf einer kleinen, intimen Bühne zu verhandeln – der ISS als Miniaturwelt.
De Waal erklärte, dass die Entscheidung für Harveys Werk einstimmig gefallen sei. Der Roman verändere die Perspektive und fordere dazu auf, die eigene Rolle in der Welt zu überdenken. Orbital ist ein Buch, das seine Leser auf eine leise, aber tiefgreifende Weise bewegt und sie mit universellen Fragen zurücklässt.
Die Autorin: Samantha Harvey
Samantha Harvey wurde 1975 in Kent geboren und hat sich mit ihrer facettenreichen schriftstellerischen Arbeit einen festen Platz in der zeitgenössischen Literatur erarbeitet. Ihr Werk reicht von philosophischen Erzählungen bis hin zu historischen Romanen. Bereits 2009 wurde ihr Roman The Wilderness, der sich mit dem Thema Alzheimer auseinandersetzt, für den Booker Prize nominiert. Mit The Western Wind (2018) setzte sie sich literarisch mit dem mittelalterlichen England auseinander.
Harvey lebt bewusst ein technikarmes Leben, ohne Mobiltelefon und Social-Media-Präsenz, und konzentriert sich ganz auf ihre Arbeit. Mit Orbital hat sie ein Werk geschaffen, das stilistisch und thematisch Neuland betritt und als eines ihrer bedeutendsten Werke gilt.
Resonanz von „Orbital“
Mit der Auszeichnung des Booker Prize hat Orbital nicht nur internationale Anerkennung erhalten, sondern auch die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums auf sich gezogen. Bereits vor der Preisverleihung war es das meistverkaufte Buch der Shortlist. Der Erfolg zeigt, dass ein literarisches Werk nicht umfangreich sein muss, um große Themen zu verhandeln und zu berühren.
Die Kombination aus poetischer Sprache, thematischer Tiefe und universeller Botschaft macht Orbital zu einem Buch, das über die literarische Welt hinaus Wirkung entfaltet. Es lädt dazu ein, nicht nur die Schönheit der Erde zu sehen, sondern auch die Verantwortung, sie zu bewahren.
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