Judith Hermanns Buch "Wir hätten uns alles gesagt" steht ihm Mai auf Platz 1 der SWR Bestenliste. Auf Platz 2 folgt der Roman "Empusion" von Olga Tokarczuk. Auf Platz 3 landet "Irgendwo. Aber am Meer" von Arnold Stadler.
Judith Hermann mit "Wir hätten uns alles gesagt" auf Platz 1 der SWR Bestenliste Mai
In "Wir hätten uns alles gesagt" schreibt Judith Hermann über die Verhältnisse einer unkonventionellen Jugend, über das geteilte Berlin, über Familienbande und Wahlverwandtschaften. Vor allem aber fährt sie an den Gründen und Abgründen ihres eigenen Schreibens entlang, stellt dar, wie Erlebtes, verschachtelt und angestrichen, Erzähltes wird, in welche einem Verhältnis Wahrheit, Erfindung und Geheimnis zueinander stehen und welche Bruchstellen des Lebens poetisiert werden können oder sogar müssen. So geht es tief in die eigene Familiengeschichte hinein. Ein stark depressiver Vater, eine schwermütige, körperlich beeinträchtigte Großmutter, die der Autorin früh erklärt: "Du bist in ein Trauerhaus hineingeboren worden".
"Wir hätten uns alles gesagt" gründet auf drei Poetikvorlesungen, die Hermann im Mai 2022 an der Goethe-Universität in Frankfurt hielt. Um die rätselhafte, aufschlussreiche Kraft der Poesie zu veranschaulichen, verglich sie die Erzählung dabei mit einem Kartenhaus, aus dem sie gerade so viele Karten herauszieht, dass es gerade so noch stehen bleibt. Es handelt sich hierbei also um einen Beschnitt, der mit immer neuen Verästelungen einhergeht, um ein Entwirren, das in neue Irrungen hineinführt. Hinter diesem poetischen Vexierspiel rumort dumpf die Familie als unermüdlicher Motor.
Platz 2: Olga Tokarckuk - "Empusion"
Mieczysław Wojnicz, ein Student aus Lemberg, reist im September 1913 ins niederschlesischen Görbersdorf, wo er ein Sanatorium für Lungenkrankheiten aufsucht. Wojnicz hofft auf Linderung, wenn nichts sogar Heilung seiner Beschwerden. Die Diagnose jedoch verspricht wenig Hoffnung: Schwindsucht. Mieczysław sucht ein Gästehaus für Männer auf, in dem, wie in Thomas Manns "Zauberberg", unermüdlich diskutiert und philosophiert wird. Die Gespräche ranken sich um große Fragen - wird es Krieg in Europa geben? Welche Staatsform ist die beste? - und endet beinahe alle in misogynen Tiraden. Dann wird das Dorf von einer anderen Unheimlichkeit heimgesucht: Eine Serie von Toten in Görbersdorf und in den Bergen rundherum.
Platz 3: Arnold Stadler - "Irgendwo. Aber am Meer"
In Stadlers neuem Roman begibt sich der Erzähler in die Ferne. Nicht nur Urlaub, auch Flucht ist diese Reise. Nach einer Lesung wird er auf Klimaaktivistin Greta Thunberg angesprochen, gefragt, wie er generell zur Energie- und Klimapolitik stehe. Sein Zögern bewegt jemanden im Publikum dazu, die Alte-Weiße-Männerkarte zu ziehen. Vor dieser vorschnellen Kategorisierung flieht der Ich-Erzähler weiter. Unterkunft findet er in dem Ferienhaus seines Schwagers auf der griechischen Insel Lefkada. Von dort aus blickt er über den Infinity-Pool hinüber nach Ithaka, der Heimat des Odysseus. Es beginnt eine grundlegende Reflexion über das Leben, die sich nicht vor Widersprüchen scheut, jedoch nicht aporetisch, sondern literarisch endet.
Die SWR Bestenliste für den Monat Mai
- Platz 1: Judith Hermann - "Wir hätten uns alles gesagt"
- Platz 2: Olga Tokarckuk - "Empusion"
- Platz 3: Arnold Stadler - "Irgendwo. Aber am Meer"
- Platz 4: Teresa Präauer - "Kochen im falschen Jahrhundert"
- Platz 5: Sheila Heti - "Reine Farbe"
- Platz 6: Nico Bleutge - "schlafbaum-variationen"
- Platz 7: Ulrike Draesner - "Die Verwandelten"
- Platz 7: A.L. Kennedy - "Als lebten wir in einem barmherzigen Land"
- Platz 9: Douglas Stuart - "Young Mungo"
- Platz 10: Toni Morrison
Hier bestellen
Empusion: Eine natur(un)heilkundliche Schauergeschichte: Eine naturheilkundliche Schauergeschichte
Topnews
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Judith Hermann erhält Wilhelm-Raabe-Preis
Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2023: Diese Autoren stehen auf der Shortlist
Judith Hermann: Verschwiegenes im Schreiben
"audible" Hörbuch-Charts: Karin Kuschiks Souveränität-Kompass auf Platz 7
"audible" Hörbuch-Charts: Andreas Gruber steigt auf Platz 1
"audible" Hörbuch-Charts: Charlotte Link mit "Einsame Nacht" auf Platz 1
"audible" Hörbuch-Charts: J.R.R. Tolkien kann doppelt punkten
Spiegel Bestsellerliste: Sarah J. Maas steigt mit "Crescent City. Wenn ein Stern erstrahlt" auf Platz 1 ein
Spiegel Bestsellerliste: Klaus Peter Wolfs "Ostfriesisches Finale" sichert sich Spitzenplatzierung
Spiegel Bestsellerliste: Höchster Neueinstieg für John Streleckys "Überraschung im Café am Rande der Welt"
Annie Ernaux auf Platz 1: Die SWR Bestenliste für den Mai
Aktuelles
Broder von Dörte Hansen: Zwei Brüder, ein Hof und die Frage, wem das Land gehört
Zur See von Dörte Hansen: Eine Insel kann Heimat sein und trotzdem zu eng werden
Österreich und Deutschland stiften Lyrikpreis zum Bachmann-Jubiläum
Die verschlossene Tür von Freida McFadden: Wie weit fällt der Apfel vom Stamm?
Deutscher Buchpreis 2026: Diese sechs Romane stehen auf der Shortlist
Lesen als Abendritual: Warum das gedruckte Buch den Bildschirm vor dem Schlafengehen schlägt
Die App – Sie kennen dich. Sie wissen, wo du wohnst von Arno Strobel: Wenn das eigene Zuhause zum Gegner wird
PISA 2025: Stiftung Lesen fordert frühe Leseförderung
Im Licht des neuen Tages von Jarka Kubsova: Was der Wald über Frauen erinnert
Ms Atkins und die Bibliothek der Träume von Vanessa Göcking: Was geschieht mit den Träumen, die wir vernünftig begraben?
Rückkehr nach Alaska von Wolf Cropp: Wo die Wildnis den Menschen auf seine Größe zurücksetzt
Fünf Finalisten für den ZDF-„aspekte“-Literaturpreis 2026
George Moore: Albert Nobbs – Das Leben im Dazwischen
MONOFUTURIS – Vom Fortschritt zum Verlust der Vielfalt von Konstantin Schamber
Shida Bazyar: „Die Lücken“ – Was ein Dorf nicht vergessen kann
Rezensionen
Karosh Taha: „Gulistan“ – Wenn selbst ein Name gefährlich wird
Eunike Grahofers „Wurzeln – Apotheke aus der Erde“
Rage – Du sollst brennen von S.T. Abby: Am Ende reicht Rache allein nicht mehr
Pain – Du sollst leiden von S.T. Abby: Wenn die Wahrheit nicht mehr verborgen bleiben kann
Sarah Elena Müller: „Unwucht“ – Die offene Seite der Liebe
Revenge – Du sollst flehen von S.T. Abby: Wenn aus Rache endgültig Krieg wird
Blood – Du sollst bereuen von S.T. Abby: Wie lange kann man jemanden lieben, den man nicht kennt?
Secret – Du sollst mich fürchten von S.T. Abby: Wenn die Serienkillerin zur Heldin wird
Giuliano Musio: „Aus anderem Holz“ – Der Mensch, der eine Puppe blieb