In ihrem Bestsellerroman "Dschinns" beschrieb die Schriftstellerin Fatma Aydemir das generationsübergreifende Leiden einer deutsch-türkischen Familie. Jetzt will sie den Begriff Integration überwinden. Mehr als nur "wording"?
Im vergangen Jahr schaffte es die Autorin Fatma Aydemir mit ihrem Roman "Dschinns" auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Literarisch war das von Migration, Entmündigung und Befreiungsschlägen erzählende Buch von minderer Qualität. Der große Erfolg des Romans fußte wohl eher auf der Tatsache, dass sich hier das Bild einer jungen, selbstbewussten Autorin produzierte, die den Schneid besitzt, die Form des Generationenromans über eine Migrationsgeschichte zu stülpen, um anschließend voller Wut und Verzweiflung gegen die doch etwas angestaubten Grenzen jener Gattung anzustürmen. Ein solches Blendbild genügt der deutschen Literaturkritik, um - von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen - aufgeschäumte Banalitäten und literarische Fehlgriffe zu überlesen. Literaturhistoriker, die 2122 beschreiben wollen, wie man vor 100 Jahren in Deutschland geschrieben hat, werden zu "Dschinns" greifen, hieß es etwa in der Süddeutschen Zeitung. Das wir hier kein Idiom vorfinden, unbenommen. Sicher ist aber auch: Kürzte man jene sich über Generationen hinwegtragende Qual, jene unmittelbar mit dem Terminus Integration kollidierende, schmerzhafte Historie aus Aydemirs Roman heraus, blieben letztlich trübe, nicht überzeugende Zeilen. Papieren.
Dass Aydemirs Roman, auch wenn er handwerklich nicht überzeugt, doch zu einem so enormen Erfolg werden konnte, ist selbstverständlich kein Zufall. Schieben wir die Faszination der Performance beiseite; vergessen wir für einen Moment, wie rasch ein zumeist gesinnungsethisches Publikum zu begeistern ist; lassen wir auch die FAZ-Autorin Aydemir hinter uns - so bleibt noch immer der hartnäckige, durchaus ehrenwerte und aufrichtige Versuch der Autorin, bislang nur Angekratztes aufzuschürfen, die Topoi Migration und Integration auf brutalste Weise am Beispiel einer einzigen Familiengeschichte sichtbar zu machen.
"Das Label Migrantenliteratur spielt zum Glück keine so große Rolle mehr"
Umso verwunderlicher ist dann auch, dass ausgerechnet Fatma Aydemir kürzlich die Überwindung des Integrations-Begriffes forderte. In einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagt die Autorin: "Ich denke, es ist Zeit, das Wort ,Integration' zu entsorgen. Die Idee, dass es eine Einheit gibt, in die sich andere integrieren müssen, finde ich nicht zeitgemäß. Mir leuchtet das nicht ein, weil alle ständig in Bewegung sind und überall zu Hause sein könnten", so Aydemir.
Weiterhin sei es ein positives Zeichen, dass das Label "Migrationsliteratur" keine so große Rolle mehr spiele und in der Literatur mittlerweile anders über Migrations gesprochen wird. Auch die Vorstellung von Heimat und Identität hält Aydemir für überkommen. "Ich habe mich an dem Begriff der Heimat so lange abgekämpft. Ich mag nicht, wie der Begriff politisch instrumentalisiert wird. Seinerzeit ist ja auch ein Heimatministerium gegründet und mit Horst Seehofer sehr konservativ besetzt worden. Mir kam das damals wie ein Ufo vor, das plötzlich in unserer Wirklichkeit landet".
So nachvollziehbar diese Forderungen auch sein mögen - gemessen an Fatma Aydemirs bisherigen literarischen Arbeiten, klingen sie beinahe naiv. Den Integrationsbegriff zu "entsorgen", würde im besten Falle die Neubesetzung einer plötzlichen Leerstelle - also "wording" - bedeuten. Im schlimmsten Falle könnten wir vergessen, dass Integration fortwährende Arbeit bedeutet. Eine Aufgabe, die sich nicht von selbst erledigen wird und die ein Prozess beschreibt, der - auch fernab von Gastarbeiter und Flüchtlingsdebatten - Ursprung großartiger, berührender Kunstwerke ist.
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