Bettina Scheiflinger - "Erbgut" Die Vergangenheit. Eine Krankheit, die du durch mich bekamst

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Bettina Scheiflinger wagt sich in ihrem Debütroman "Erbgut" an das große tierschürfende Thema "Familie". Vieles gelingt ihr. Bild: Kremayr & Scheriau

Mit ihrem Debütroman "Erbgut" wirft die Autorin Bettina Scheiflinger unter anderem die Fragen auf, wie tief die Erlebnisse und Erfahrungen vergangener Generationen in unsere unmittelbare Gegenwart hineinragen, und welche Gestalt sie im Hier und Jetzt annehmen können. Es handelt sich um eine Familiengeschichte, die das Ich derjenigen, die sie zu erzählen hat, an den Rand drängt und beinahe verschwinden lässt.

Vergangenheit vererbt sich wie eine Krankheit. Traumata lauern in Wohnzimmerecken, machen sich schleichend bemerkbar, nehmen dort Gestalt an, wo sich gewisse Handlungen dauernd wiederholen, ein Bericht abbricht und Gewalt sich dort setzt, wo üblicherweise Schweigen herrscht. Die Risse in unserer Gegenwart, könnte man mit Blick auf Bettina Scheiflingers Debütroman "Erbgut" etwas pathetisch sagen, verweisen auf die Krater in den Leben unserer Großväter und -Mütter.

Von diesen Kratern und Rissen ist in diesem Roman die Rede. Davon, wie sich Familie herstellt und wie die Gründung einer solchen niemals frei ist von den Konflikten der Mütter, der Väter, der Großeltern. Wie verzweigt dieses Gebilde sind, zeigt uns Bettina Scheiflinger nicht zuletzt anhand der Komposition, die sie für ihre Roman wählt. Wir haben es mit einer Ich-Erzählerin zu tun, deren Erzählen bei den Geburten ihrer Eltern beginnt. Von dort geht es in die Umstände der Großelternfamilien. Auf der mütterlichen Seite die Großmutter, die als italienische Gastarbeiterin in die Schweiz kommt, von Amerika träumt und ständig mit Ausgrenzung zu kämpfen hat. Auf der anderen Seite - also väterlicherseits - wird uns die Großmutter Johanna vorgestellt, die einen Wirtshof besitzt und den Vater der Erzählerin, Arno, zur Welt bringt, während draußen noch der Kriegt tobt.

Gewalt als alternative Sprache

Dann ist da noch der brutale, gewalttätige Großvater - väterlicherseits - der als NSDAP Mitglied in Kriegsgefangenschaft kommt und vor dem sich die Kinder später fürchten werden. Während Johanna und die Kinder Tag und Nacht schuften, lebt Franz - so der Name des Vaters - in einem Gartenhaus. Damit erzählt ein Strang dieses Romans auch vom Schweigen über die Nazivergangenheit und von der Gewalttätigkeit als alternative Sprache, die selbstredend ihre Spuren hinterlässt.

Interessant in "Erbgut" ist der aufgemachte Dualismus von vererbbarer Krankheit und Vergangenheit. So gibt es auf der einen Seite die erwähnten, sozial bedingten Narben, die sich durch die Familiengeschichten ziehen, auf der anderen Seite eine Krebserkrankung, die weitervererbt werden könnte. Von beiden Seiten scheint die Ich-Erzählerin bedroht, niemals im Wissen darum, wo oder wann sich welche Krankheit/Vergangenheit in ihrem Leben niederschlagen wird. Ausgeliefert wie wir es gewissermaßen alle sind, tritt die Chronistin ihre Geschichte an. Beinahe in Angststarre versetzt, erzählt sie die Geschichte einer Fatalität.

Der Topos "Familie"

Unterbrochen wird das Erzählen der Ich-Figur immer wieder von einer auktorialen Erzählform, die Leben und Handlungen einzelner Protagonisten so detailliert schildert, dass es sich hierbei nicht um das Nacherzählen erlebter Dinge handeln kann. Wie einzelne Familien-Fragmente werden uns die recht kurzen Kapitel in diesem Buch offeriert. Eine chronologische Reihenfolge gibt es nicht. Insgesamt sind es fünf Perspektiven, zwischen denen die Autorin springt. Scheiflinger schreibt roh, präzise, oft schmucklos, aber doch stimmungsvoll.

Man kann "Erbgut" als ein Prosastück lesen, dass sich auf flüchtige, vielleicht kann man sagen: essayistische Weise mit Themenkomplexen beschäftigt, die aus dem Topos "Familie" entspringen. Tod, Überwindung, Emanzipation, die Suche nach einer Heimat: Geschwüre sind das, die sich, so scheint es, während der Beschäftigung mit dem Komplex "Familie" herausbildeten, und die Bettina Scheiflinger konsequent angeht. Ab und an wirkt das etwas zu wild, zu beliebig, die raschen Perspektivwechsel als eine Methode, die über erzähltechnische Unzulänglichkeiten hinwegretten soll. Unter Strich aber haben wir es mit einem erfrischenden, durchaus aufwühlenden Debüt zu tun, mit welchem eine Autorin vorstellig wird, die in ihrer Vehemenz und Konsequenz nicht vor großen literarischen Themen zurückschreckt.


Bettina Scheiflinger - "Erbgut" / Kremayr & Scheriau / 2022 / 187 Seiten / 22 €

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