Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux wird mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet und in Deutschland spricht man über Antisemitismus. Dürstend, auf der Suche nach der schlagenden Headline, stürzt man sich auf die Reputation der Person, und lässt die Literatur dabei links liegen. Ja, Kulturpessimismus ist außer Mode. Aber irgendwie kann man ja nicht anders...
Es scheint sich in Deutschland eine doch recht sonderbare literarische Tradition entwickelt zu haben, deren oberste Maxime nahelegt, Texte und Bücher erst nach eingehender Überprüfung ihrer Autorinnen oder Autoren zu begutachten. Erst der Künstler, dann das Werk - diese Rezeptionsmethodik erfreut sich in kulturellen Kreisen einer immer größerer Beliebtheit. Etwas böswillig könnte man annehmen, hinter diesem Verfahren verberge sich eine Begleiterscheinung modernen Bequemlichkeit. Wer durch´s klar definierte, politisch-moralische Muster fällt, dessen Werk hat mich erst gar nicht zu interessieren. Im nächsten Schritt schau ich dann dort nach, wo ich bestätigt werden werde, wo der Inhalt der selbe bleibt, wo ich mich also lediglich an der etwas raffinierteren, veränderten Form erfreuen kann.
Die aufbrechende, bisweilen schmerzhafte Funktion der Literatur wird damit ausgelöscht. Auch die vermittelnde Funktion. Auch die Möglichkeit, Fremdes dort als nah erfahren zu können, wo ich mich - über literarische Umwege - von mir selbst entferne. Wie das, was Literatur warm, wichtig, notwendig macht, zu eliminieren versucht wird, können wir derzeit am Beispiel der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux beobachten. Die längst eingeübte Praxis heißt: Diskreditiere eine Autorin aufgrund eines Preises, der ihr für ein Werk verliehen wurde, das du nicht kennst. Der sich daraus ableitende Befehl lautet folglich: Lerne es nicht kennen!
Annie Ernaux und die BDS-Kampagne
Kaum hatte man den Namen der Literaturnobelpreisträgerin - Annie Ernaux - bekanntgegeben, verwies die Jerusalem Post auf die israelkritische Position der Ausgezeichneten, die unter anderem Briefe der BDS-Kampagne (Boykott, Divestment, Sanctions) unterzeichnete. Seitdem ist Ernaux´ Werk - vor allem in Deutschland - ins Hintertreffen geraten. Ein Wiederlesen ihrer Bücher anlässlich der Nobelpreisverleihung scheint dem Feuilleton unvorstellbar. Sich gut verkaufende Headlines schlagen eben gute Literatur; und Antisemitismusvorwürfe gelten unter diesem Gesichtspunkt in Deutschland bekanntermaßen als Kassenschlager. Ein Schelm, wer dabei an identifizierende Narrative denkt.
Die Jerusalem Post listete also auf, an welchen israelkritischen - einige Kommentatoren meinen antisemitischen -Kampagnen Ernaux in der Vergangenheit teilgenommen hatte, und in Deutschland fragt man sich seitdem: "Hat Ernaux den Nobelpreis verdient?" (FAZ) Und man möchte doch ganz gern einmal zurückfragen, wie es eigentlich mit der literarischen Qualität der Texte des diesjährigen Friedensnobelpreisträgers Ales Bjaljazki ausschaut, ob man da nicht doch noch einmal über die Verleihung nachdenken sollte.
"Die dunkle Seite der Literatur-Rezeption"
Als Gerhard Hauptmann den rechten Arm zum Hiterlgruß erhob, habe er sich selbst diskreditiert, nicht aber sein Drama "Der Biberpelz", stellte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in einer Ausgabe des "Literarischen Quartetts" einmal fest. Die spätere politische Ausrichtung eines Autors, so Ranickis Statement, lässt sein früheres Werk unberührt. Wie aber verhält es sich andersherum? Und ist eine Literatur-Rezeption überhaupt noch möglich, wenn die Figur der Autorin - wie im Beispiel Ernaux´ - als Sensation offeriert und in den Mittelpunkt gestellt wird? Das Problem an der Debatte um die israelkritische Positionierung der Literaturnobelpreisträgerin ist doch nicht, dass sie geführt wird, sondern, dass sie sich als erste Prämisse in einen Diskurs mischt, der im Grunde zunächst ein literarischer sein sollte. Das Prinzip "zunächst die Autorin, dann das Werk" gehört also ganz einfach umgedreht.
So führen wir in diesem Jahr fort, was mit der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke im Jahr 2019 begonnen hatte. Kurzweilige Erregungen über die politischen Ausrichtungen künstlerischer Persönlichkeiten ersetzten die eingehende Beschäftigung mit deren Werke, der doch sehr amerikanische Personenkult wird weiter angeheizt, Leitmedien verdienen an der Frustration von Userinnen und User, die vor lauter Freizeit keine Zeit für die kritische Beschäftigung mit sich Selbst haben. Am Ende heißt es: Kulturpessimismus. Und der ist genauso in die Jahre gekommen, wie der heilsame Rückzug und das langatmige Lesen...
Hier bestellen
Das Ereignis: Nobelpreis für Literatur 2022 | Wie ist es, wenn man als Frau abtreiben will und es nicht darf? (suhrkamp taschenbuch)
Das andere Mädchen: Nobelpreis für Literatur 2022 | Der berührende Brief der französischen Bestsellerautorin an ihre tote Schwester (Bibliothek Suhrkamp)
Topnews
Erich Lejeune: „Lebe ehrlich, werde frei!“ – Ein Leben sucht seine Ordnung
H. G. Wells zum 160. Geburtstag: Mit der Zeitmaschine zurück zu ihrem Erfinder
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Aktuelles
„Asterix erobert Rom“ wird 50: Warum der Passierschein A 38 noch immer funktioniert
Maxim Biller: Schwarze Samstage – Die Vergangenheit, die niemals aufgehört hat
Weißer Rausch von Anu Ojala – Verbrechen im Schatten der arktischen Kälte
„Die Pflege trägt viele Kasacks“: Wenn die Angst vor dem Altwerden aus dem Pflegealltag kommt
Die Sphären des Schicksals: Wenn die Vergangenheit ihre Geheimnisse zurückfordert
Die Ballade von Ronan McCoy von Colin Morgan – Wenn eine Freundschaft das Erwachsenwerden verändert
Der Nachtzug von Sebastian Fitzek – Wenn Spannung wichtiger wird als Glaubwürdigkeit
Elbstürme von Miriam Georg – Liebe, Verrat und der Preis der Freiheit
Elbleuchten von Miriam Georg – Verbotene Liebe und die dunkle Seite des Hamburger Wohlstands
Die Regenschwimmerin von Romy Fölck – Rezension: Drei Frauen, eine alte Freundschaft und der Mut, neu anzufangen
Jede Seite an dir von Jana Crämer – Zwischen Buchliebe, Social Media und der Angst, sichtbar zu werden
Druckfrisch: Denis Scheck spricht mit Andrea Wulf und Lutz Seiler über ihre neuen Bücher
Played by the Piper – Die Unbeugsame von Raven Kennedy: Rezension über eine Welt voller Plagen und eine Liebe, die zur Gefahr wird
Richard David Precht: „Auserzählt?“ – Über die Kultur und die Freiheit, selbst zu denken
Friedrich Nicolais „Sebaldus Nothanker“ – Was eine freie Überzeugung zum Leben braucht
Rezensionen
Altes Land von Dörte Hansen – Rezension: Von Heimat, Flucht und Menschen, die nirgendwo dazugehören
Die Kate-Linville-Reihe von Charlotte Link: Alle Bücher in der richtigen Reihenfolge – mit Rezensionen
Was, wenn alles gut wird? von Lia Morgenstern – Rezension: Über die Angst vor dem Glück
Aprikosenkind von Judith Merchant: Wenn Mutterliebe zur gefährlichen Gewissheit wird
Salzwind von Miriam Georg: Wenn Freiheit einen Preis bekommt
Sturmland von Miriam Georg: Eine Liebe zwischen Freiheit, Geheimnissen und der rauen Nordsee
Alexander Puschkin: Eugen Onegin – Von der Liebe und der merkwürdigen Unfähigkeit, das Richtige zu tun
John Steinbeck: East of Eden – Wie viel Freiheit bleibt dem Menschen?
Herders „Fragmente“ zur deutschen Literatur – Eine Sprache sucht ihre eigene Bewegung
Hippels „Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber“ – Wenn Ausschluss sich Natur nennt