Die Schwedische Akademie hat entschieden: Der Literaturnobelpreisträger 2022 geht an die französische Schriftstellerin Annie Ernaux. Mit Werken wie "Das Leben einer Frau", Die Scham", "Erinnerungen eines Mädchens" oder "Die Jahre" hat Ernaux das autobiografische Erzählen revolutioniert. Die Akademie in Stockholm zeichnete Ernaux "für ihren Mut und klinischen Scharfblick" aus.
Hier bestellen
Das andere Mädchen: Nobelpreis für Literatur 2022 | Der berührende Brief der französischen Bestsellerautorin an ihre tote Schwester (Bibliothek Suhrkamp)
Der mit 10 Millionen Kronen (920.000 Euro) dotierte Literaturnobelpreis geht an die 82-jährige französische Schriftstellerin Annie Ernaux. Ernaux gilt als eine der wichtigsten und prägendsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur. In ihrem beinahe ausschließlich autobiografischen Werk verarbeitet und seziert die Autorin Erinnerungen ihres Lebens, welches sie dabei als ein Fleck innerhalb einer Epoche begreift. Zeitgeschehen und individuelle Mühen, Entscheidungen und Abbrüche überschneiden sich dabei. Damit ist Ernaux Werk auch aus soziologischer Perspektive von großer Bedeutung. Nicht selten wird sie in ihrer Hinsicht in einem Atemzug mit Autoren wie Pierre Bourdieu, Michel Foucault und Roland Barthes genannt.
Bei der Bekanntgabe hieß es, die Schwedische Akademie habe die Autorin telefonisch nicht erreichen können. Die Literaturnobelpreisträger werden streng geheim gehalten und erst kurz vor der Bekanntgabe von der Akademie informiert. In der Begründung hieß es dann, Ernaux erhält den Preis "für ihren Mut und den klinischen Scharfblick, mit denen sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung bloßlegt".
In ihrem Werk befasse sich die Autorin mit schwierigen Themen wie Scham, illegaler Abtreibung oder der Wahrnehmung von Konventionen. In ihrer Erinnerungsarbeit knüpfe sie an die Tradition Marcel Prousts an und führe diese zugleich in die heutige Zeit.
In wenigen Tagen erscheint "Das andere Mädchen" von Annie Ernaux bei Suhrkamp
In wenigen Tagen, am 10. Oktober, erscheint das 80 Seiten starke Buch "Das andere Mädchen" beim Suhrkamp Verlag. Laut Verlag schriebt Ernaux damit ein Brief an ihre Schwester, die sie nicht hat kennenlernen können - einen Brief von überwältigender Klarheit und zarter Traurigkeit.
Ein Sonntag im August 1950, die kleine Annie spielt draußen im Garten, ihre Mutter steht am Zaun und plaudert mit der Nachbarin. Eine folgenreiche Plauderei, denn so erfährt Annie, dass ihre Eltern vor ihrer Geburt bereits eine Tochter hatten, die sechsjährig an Diphtherie gestorben war. Über diese Schwester wird Annie von ihren Eltern niemals wieder ein Wort hören und sie wird ihrerseits niemals nach der Verstorbenen fragen. Doch auch dieses dauerhafte Beschweigen formt eine Geschichte und verleiht der toten Schwester – dem anderen Mädchen – eine Gestalt. Und es prägt Annies Persönlichkeit und Charakter, die Identität der Nachgeborenen. Vier oder fünf Fotografien, das Grabmal, einige wenige Gegenstände, ein paar Murmeln – darüber versucht Annie Ernaux Jahrzehnte später dem Leben ihrer ungekannten Schwester schreibend auf die Spur zu kommen. (Verlagsankündigung/Suhrkamp Verlag)
Annie Ernaux
Annie Ernaux wurde am 1. September 1940 in Lillebonne geboren. Ihre Eltern führen einen Krämerladen mit einem Café in der Normandie. Sie wuchs in recht bescheidenen Verhältnissen auf, zwischen "dem Wunsch nach sozialem Aufstieg und dem demütigenden Rückfall in alte Verhältnisse" (Ankündigung "Die Scham"). Nachdem sie ein Mädchenpensionat besuchte (erzählt in "Erinnerung eines Mädchens"), studierte sie Literaturwissenschaften in Paris und promovierte 1971. Im Jahr 1974 erschien ihr erster, bereits autobiografischer, Roman "Les armoires vides", der bisher nicht in deutscher Übersetzung vorliegt.
Ernaux erhielt zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den "Prix Renaudot", den "Prix Marguerite-Duras" und den "Prix de l’Académie de Berlin". Ihr Werk ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten, und wird vor allem im Universitäten Umfeld überwiegend positiv rezipiert. Doch gibt es auch Stimmen, die der Autoren das "Zurschaustellen des Elends" vorwerfen.
Hier bestellen
Das andere Mädchen: Nobelpreis für Literatur 2022 | Der berührende Brief der französischen Bestsellerautorin an ihre tote Schwester (Bibliothek Suhrkamp)
Topnews
Erich Lejeune: „Lebe ehrlich, werde frei!“ – Ein Leben sucht seine Ordnung
H. G. Wells zum 160. Geburtstag: Mit der Zeitmaschine zurück zu ihrem Erfinder
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Die Super-8-Tagebücher der Nobelpreisträgerin Annie Ernaux
Annie Ernaux: Die Klasse rächen
Literaturnobelpreis 2022: Wird's vielleicht doch Houellebecq?
Annie Ernaux erhält den Literaturpreis der Stiftung Würth
Booker International Prize geht an Jokha Alharthi
Murakami und die Neue Akademie
Aktuelles
INNERES HAUS
Carla
Alice Horáčkovás „Geteiltes Haus“: Dort nicht mehr zu Hause, hier nicht angekommen
Netzwerk Autorenrechte besteht seit zehn Jahren
NDR Sachbuchpreis 2026: Zehn Bücher für eine Gegenwart, die sich nicht einfach erklären lässt
Maria Anna Sagars „Karolinens Tagebuch“ – Wer entscheidet, was eine Frau erzählen darf?
Gefaltet
Michael Ertas
Cornelia Funke: „Emma glaubt nicht an Feen“ – Wozu Feen erfinden, wenn es Schnecken gibt?
Schillers „Die Götter Griechenlandes“ – Die erklärte Welt und ihr verlorenes Gegenüber
Zwei Welten, ein Herz
Sofia Avci
Tanz des Lichts
kfb
Bei Tisch
Hans-Ulrich Kramer
Haiku der digitalen Welten
Dario Schrittweise