Mehr als 50 Jahre lang berichtete die Journalistin und Schriftstellerin Martha Gellhorn von sämtlichen Kriegsschauplätzen der Welt, schrieb Journale für große Zeitschriften, machte Beobachtungen und Erfahrungen, die sie in ihren Novellen und Romanen verarbeitete. Gewissermaßen kompromisslos folgte die Kriegsberichterstatterin Gellhorn den Schlachten, um in ihren Texten zu bestärken, dass der Krieg die abscheulichste Art des Menschen ist, mit Katastrophen umzugehen.
Als Kriegsreporterin berichtete die amerikanische Journalistin Martha Gellhorn aus sämtlichen zerbomben und zerschossenen Gebieten der Welt. In ihren Reportagen zeigen sich die Gesichter der vereinsamten Verwundeten, das Schicksal verwaister Kinder, das Leiden der Armen und Schwachen unter dem Größenwahn der Reichen und Mächtigen. Die Frage nach der Objektivität der Berichterstattung hatte Gellhorn schnell ausgeschlagen. Sie, die von Dreck und Blut umgeben berichtete, wusste alsbald, dass eine solche Frage nur aus den sicheren Rängen der Schreibtischtäter gestellt werden konnte.
"Reden und reden, unablässig, als Selbstreklame"
In der Einleitung ihres 1959 erschienenen Buches "Gesichter des Krieges" sausen die "Führer der Welt" in ihren Flugzeuge um den Erdball; faseln von "sauberen Bomben" und "taktischen Atomwaffen", "reden und reden, unablässig, als Selbstreklame". Selbst wenn sie den Erklärungen und Behauptungen der Regierenden hätte glauben schenken wollen, ihre eigenen Erfahrungen, die ihr schließlich zeigten was aus den Versprechen früherer Jahre geworden ist, wären ihr doch in die Quere gekommen. "Die Führer der Welt scheinen mit dem Leben hier unten auf der Erde die Fühlung verloren, die Menschen vergessen zu haben, die sie führen", resümiert Gellhorn.
In diesem zunächst pessimistischen Ton verbirgt sich die Methodik einer Kriegsreporterin, die vor allem den Angriff auf die Zivilbevölkerung, die perversen Auswuchernden der modernen Kriegsführung ins Auge nahm. In Madrid begleitete sie das Alltagsleben der Menschen zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs. Ging mit ihnen in die Bars, ins Theater und in die Cafés, um einen unter ständiger Bedrohung stattfindenden Alltag einzufangen. Egal ob sie vom sowjetischen Überfall auf Finnland oder von den Schrecken des Vietnamkriegs berichtete, es waren die Verletzten und Verlassenen in den Hospitalbetten, die Alten und Wehrlosen in den zerschossenen Häusern, die Gellhorn abbildete.
Banalität des Bösen
Dieses Abbilden ist ihr Protest. "Mein NEIN ist dieses Buch", schreibt sie, den eben noch anmutenden Pessimismus zur Seite schiebend. Gellhorn - das ist wichtig - zog den Schlachten nicht als Moralistin nach, sondern brach vor allem als Abenteuerhungrige auf. Dies zeigt sich vor allem dort, wo sich die Reporterin über die dürftigen Auskünfte der Offiziere beschwert, die sich trotz Geheimhaltungspflicht darum bemühen, ihre Berichte nicht allzu knapp ausfallen zu lassen. Dies wird deutlich, wenn es beispielsweise in einer Briefzeile aus dem Jahre 1944, kurz vor ihrer Abreise in Richtung Europa, heißt: "Ich breche jetzt auf zu einem weiteren schönen, aufregenden Auftrag, ein Glücksgriff, auf den ich mich wahnsinnig freue."
So stark sich Gellhorns Blick auch auf die Leiden der an den Kriegen unbeteiligten Zivilsten richtete - für die deutsche Nachkriegsbevölkerung nach 1945 konnte sie keine Anteilnahme aufbringen. Hier ahnte sie eine kollektive Mitschuld an den Verbrechen, eine parteiisches Schweigen. Sie besuchte zahlreiche eben erst befreite Konzentrationslager, sah den ganzen Schrecken der deutschen Verbrechen. Während der Nürnberger Prozesse erkannte sie eine stumme, abgestumpfte Kälte in den Gesichtern, etwas, das die Philosophin Hanna Arendt später als die "Banalität des Bösen" bezeichnen wird.
Es muss insbesondere diese Anschauung etwas Furchtbares in der Journalistin ausgelöst haben, die in der kriegerischen Auseinandersetzung immer auch den Befehl der Machthaber sah; jener Machthaber, die sie, in Bezug auf die Nazis, "Nichtse" und "einst so selbstsichere Ungeheuer" nannte.
Martha Gellhorn: "Das Gesicht des Krieges. Reportagen 1937-1987", Dörlemann, 576 Seiten, 24,70 Euro
Topnews
Christine Nöstlinger zum 90. – Von der Würde des unartigen Kindes
Erich Lejeune: „Lebe ehrlich, werde frei!“ – Ein Leben sucht seine Ordnung
H. G. Wells zum 160. Geburtstag: Mit der Zeitmaschine zurück zu ihrem Erfinder
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Journalismus in Krisenzeiten: Wie wird der öffentliche Diskurs widerstandsfähiger?
"Es war einmal diese legendäre Stadt Kabul, wo eine Bohème entstand ..."
Christian Sievers zu seinem Hörbuch "Grauzonen": Aktueller denn je?
40 Jahre Aufstand
Von Null auf Eins: Joachim Meyerhoff und Jan Böhmermann erobern Bestsellerliste
Aktuelles
Anna Cieplaks „Stahlkörper“: Was vom Fortschritt übrig bleibt
SPIEGEL Buchpreis 2026: Zwanzig Bücher und die Frage, was Literatur heute erzählen muss
Elbstrand-Saga von Charlotte Jacobi: Alle 4 Bände im Überblick
NDR Sachbuchpreis 2026: „Das Versagen“ von Katja Gloger und Georg Mascolo ausgezeichnet
Nach der Sonne schauen von Martina Hefter – Die Kunst, Schönheit auszuhalten
Bundesweiter Vorlesetag 2026: Wenn Kinder in mehr als einer Sprache zu Hause sind
Kindle Storyteller Award 2026: Simon Geraedts gewinnt mit einem Mordfall auf Rügen
Janosch ist tot – Die Sehnsucht nach Panama bleibt
Auch Kokosnüsse brauchen Regen von Melissa Schumacher: Das Leben lässt sich nicht vertagen
Thomas Brasch zum 25. Todestag: Ein Anker in der deutschen Sprache
Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin : Wenn Zahlen zur Weltanschauung werden