Der Selfpublisher-Verband hat in den vergangenen Jahren einiges für verlagsunabhängige Autorinnen und Autoren erreichen können. Auf dem Buchmarkt spielt die Kategorie eine immer größere Rolle; nur noch 20 Prozent der Schreibenden bezeichnen ihre Tätigkeit als "Hobby". Wie wird es für Selfpublisher in den nächsten Jahren weitergehen? Was bedeutet das Erstarken verlagsunabhängiger Konzepte für den Einzelhandel? Und kann personalisiertes Schreiben überhaupt als ein literarisches Segment bezeichnet werden?
In dieser Woche feiert der Selfpublisher-Verband sein siebenjähriges Bestehen. Man blickt auf eine ebenso produktive wie intensive Zeit, auf einen starken Zuwachs und, vor allem, auf eine außerordentliche Professionalisierung innerhalb eines neuen Segments des Buchmarktes. Die verlagsunabhängige Veröffentlichung ist längst schon nicht mehr nur für jene interessant, die mit ihren Büchern keinen Verlag gefunden haben. Wie die Vorsitzende des Selfpublisher-Verbands - Tamara Leonard - erklärt, setzen heutzutage viele Schreibende auf ein Hybridkonzept: Sie entscheiden projektbezogen, ob ein Buch im Verlag oder im Selfpublishing erscheinen soll.
Wie kommen Selfpublisher in die Buchhandlungen
Dieser hybride Umgang mit den eigenen Büchern und deren Veröffentlichung wurde dadurch ermöglicht, dass die Tatsache, wo ein Buch erscheint, längst kein ausschlaggebendes Qualitätskriterium mehr ist. Viele Medien der Branche hätten bereits verstanden, dass Selbstverlag nicht a priori schlechte Literatur bedeute. Allerdings gibt es noch immer Institutionen, die sich etwas querstellen. Förderstellen, Verbände und Medien berücksichtigen Selfpublisher oft nicht in ihren Angeboten und Ausschreibungen. Eine Tatsache, die die Unabhängigkeit hinsichtlich der Veröffentlichungs-Frage schmälert, so Leonard. Hier möchte sie auch in diesem Jahr weiterhin ansetzen. Ebenso wichtig sei es, die Beziehung zwischen Buchhandel und Selfpublisher weiterhin zu festigen.
Zerstört Selfpublishing den stationären Einzelhandel?
Selfpublisher veröffentlichen ihre Werke oft als E-Books. Diese haben - nicht zuletzt aufgrund der Corona-Pandemie - in den vergangenen Jahren extrem an Bedeutung gewonnen. Dass der Rückgriff auf E-Books zugleich eine Bedrohung für den stationären Einzelhandel darstellt, ist nachvollziehbar. Dass man - dieser Argumentation folgend - allerdings zugleich versucht, Selfpublisher für den Untergang des Buch-Einzelhandels verantwortlich zu machen, hält Leonard für falsch. Stattdessen sieht sie Hürden in der praktischen Umsetzung: Es gebe keine Programme für verlagsunabhängige Veröffentlichungen, keine aufgelisteten Frühjahres, Sommer- und Wintervorschauen, die den BuchhändlerInnen die Auswahl erleichtern würden.
Für die Zukunft wünscht sich der Selfpublisher-Verband, dass Schreibende als Basis der gesamten Buchbranche wieder stärker im Fokus stehen. Wichtig sei hier vor allem der finanziellen Aspekte, so Leonhard. Während es bei Buchhändlerinnen, Bibliothekare, Verlagsvertreter und Lektorinnen zweifellos klar ist, dass sie von ihrer Arbeit leben müssen, ist es bei Schreibenden nach wie vor oftmals so, dass sie einen Brotjob nachgehen müssen.
Personalisierte Bücher. Ist das überhaupt Literatur?
Tamara Leonhard wünscht sich also, dass Autorinnen und Autoren gezielt auf ein Publikum zuschreiben, ihr Bücher an dieses Publikum verkaufen und somit ihren Lebensunterhalt verdienen können. Um dies umzusetzen, wünscht sie sich mehr Offenheit im Buchmarkt, eine strukturelle Veränderung in Richtung personalisierte Bücher. Diese - zutiefst neoliberale - Idee, muss wenigstens auf kurzer Strecke kritisch hinterfragt werden.
Mit etwas Abstand betrachtet, verwundert es nicht, dass das Konzept "Selbstverlag" auf so fruchtbaren Boden fiel. Denn personalisierte Bücher passen natürlich wunderbar in eine überindividuelle Zeit, in der wir uns längst daran gewöhnt haben, auf uns zugeschnittene Angebote nicht nur zu kaufen, sondern sie auch pausenlos zu konsumieren. Produktvorschläge, Anzeigen, Beiträge, Headlines - eine Fülle, die den einfachsten Griff auf das Nächstgelegenste immer zwingender macht. Unter diesen Umständen ist es, bei aller Euphorie, auch wichtig, dass Kulturgut Buch unter dem Gesichtspunkt einer fertigen, zugeschnittenen Welt zu betrachten. Wenn nur noch geschrieben wird, was mit absoluter Sicherheit Leserinnen und Leser findet, dann hat die Literatur ausgedient. Wenn das fertige Produkt sich an die Stelle des Schreibens drängt, Emotionen und Gedanken also vor- und aussortiert werden, werden Leserinnen und Leser ausgerechnet das verlieren, was Literatur im Kern bisher ausmachte: Die überraschende Begegnung mit dem Unerwarteten.
Ja, unter den gegebenen, gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen ist absehbar - geradezu logisch -, dass sich das Konzept "Verlagsunabhängigkeit" weiter ausbreitet wird. Aber fällt Ihnen ein wichtiges Werk des 20. Jahrhunderts ein, dass sich nicht gegen äußere Zwänge und Abhängigkeiten zur Wehr setzen musste? Ein Werk, dass nur geschrieben wurde, weil das Schreiben möglich war? Nein. Bequemlichkeit tötet Kunst. Wenn es allen möglich ist, gegen alles Mögliche zu protestieren, dann werden wir uns gemeinsam die Frage stellen: Wofür?
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