NDR Sachbuchpreis "Ground Zero" von Stefan Weidner

Die Welt, in der wir heute leben, hat ihren Ursprung am Ground Zero: das Ende der USA als alleinige Weltmacht, Guantanamo und die Konfrontation zwischen dem Westen und der islamischen Welt, die Flucht vor den Kriegen im Nahen Osten, der Aufstieg von Populismus und Nationalismus. Hat Bin Laden also tatsächlich gewonnen und die Selbstgewissheiten des Westens entzaubert? Wäre es nicht an der Zeit, die Welt neu zu denken? Bild: Hanser Verlag

In diesem Jahr jährte sich der Anschlag auf das World Trade Center zum 20. Mal. Für den Islamwissenschaftler Stefan Weidner ein Anlass, noch einmal auf die Beziehung zwischen dem Westen und seinen Feinden zu blicken. In dem politischen Essay "Ground Zero. 9/11 und die Geburt der Gegenwart" zeigt er, dass wir die Hoffnung auf eine konstruktive und harmonische Weltordnung nicht aufgeben dürfen.

 

Der Übersetzer, Islamwissenschatler und Autor Stefan Weidner betrachtet den Anschlag auf das World Trade Center vom 11.09.2001 als einen gewaltigen Wendepunkt, aus dem sich Konflikte und einschlägige Entwicklungen ableiten lassen, die heute so irreversibel wie selbstverständlich scheinen. Unsere gegenwärtige Welt, so deutet es Weidner bereits in dem Untertitel seines Essays ist, konstituierte sich mit jenem Umsturz vor 20 Jahren. Von dort aus, so ist Weidner überzeugt, hat sich der Westen auf zuvor kaum denkbare Irrwege begeben, Irrwege, die globale Auswirkungen gehabt haben und weiterhin haben werden. Der Wissenschaftler bezeichnet den Anschlag gar als "Urknall unserer Welt". Mit dem anschließenden Eintritt in den sogenannten "Krieg gegen den Terror" hätte der Westen eine globale Konfrontation in die Wege geleitet, aus der er sich nun nicht mehr befreien könne.

Ein Krieg, der nicht zu gewinnen ist

Weidner kennt die muslimische Welt und Historie gut. Überzeugend erklärt er, dass das Erstarken des politischen Islams eine Folge der interventionistischen Nahost-Politik der USA gewesen ist. So hätte die USA mit ihren politischen Entscheidungen sowohl Khomeinis Iran als auch der Al-Qaida und dem Islamische Staat (IS) das Narrativ der antiimperialistischen Opposition geliefert. Es begann ein Konflikt, der sich immer weiter zuspitzte und der von Beginn an, so ist Weidner überzeugt, für den Westen nicht zu gewinnen war. Unter dem sich durch alle westlichen Ländern ziehenden Diktat der Terrorbekämpfung konnte sich der "Pax Americana", der Neoliberalismus, zwar ausbreiten, nun aber, verliert die westliche Erzählung von Liberalität und demokratischen Werten zunehmend an Glaubwürdigkeit.

Soziale und ökologische Weltmacht?

Was also tun, nachdem die USA ihre hegemoniale Stellung als alleinige, wegweisende Weltmacht nach und nach einbüßen musste? Weidner plädierte in seinem Buch für eine Politik des sozialen und ökologischen Fortschritts. In der Lücke, die die USA hinterlassen, sieht er eine "unverhoffte zweite Chance" für Europa, sich als sozial und ökologisch bewusste Weltmacht zu positionieren. In der Pandemie - ebenfalls eine Art Ground Zero - sieht der Islamwissenschaftler den Boden für ein politischen Umdenken bereitet.


Stefan Weidner: "Ground Zero. 9/11 und die Geburt der Gegenwart"; Hanser, 2021, 256 Seiten, 23 Euro




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