Wenn meine Familie auf ihre Lieblingsinsel gefahren ist, lebe ich ein Leben in der Stadt wie auf einer Hallig. Ich bin verreist, ohne die gewohnte Umgebung verlassen zu haben.
Auf meiner Hallig bin ich fast alleine, nur ich und der Kater. Die Konversation beschränkt sich auf eine sehr abgespeckte Variante menschlicher Unterhaltung: Na du? Hast du Hunger? Brauchst du eine Katzenmassage? Na, schon wieder am Schlafen? Komm mit in den Garten, du Fauler!
Ab und zu antwortet der Kater, aber auch er hat die Kommunikation stark eingeschränkt, sogar das laute, mit dunklen kehligen Geräuschen angekündigte Schau-Würgen hat er für die Zeit der Einsiedelei zurückgefahren; ich muss es meinem Mann schreiben, er wird es mir, wie immer, nicht glauben.
Das rausgewürgte Gewölle finde ich nur, als ich plötzlich Ameisen entdecke, die durch die Wohnung marschieren (um sich am Auswurf zu laben).
Dann kommuniziere ich mit den Ameisen, aber es ist keine freundliche Unterhaltung. Mein Vater, dem ich gestern am Telefon von den Ameisenstreifzügen erzählte, sagte nur: Es sind doch so kleine Tierchen, lass sie in Ruhe! Wenn es Ratten wären, nun ja, dann wäre Besorgnis angesagt, aber Ameisen...
Um mein Eremiten-Dasein zu vervollkommnen, radle ich gegen Abend zum See. Die Lage des Sees mutet wie ein Bergplateau an. Ich schwimme, unter mir fast 60 Meter Tiefe, über mir der Himmel mit Abendsonne und Mond zugleich, ein freier Blick wohin ich schaue. Das Gelände fällt nach allen Seiten leicht ab, daher das Gefühl wie auf einem Berg oder am Rand eines gefluteten Vulkanschlundes zu sein.
Aus der Ebene (vom Osten her) steigen an manchen Tagen Heißluftballons auf, schweben dicht über dem Wasserspiegel davon und sinken hinter dem See wieder nach unten in die Ebene.
Die Stadt ist unsichtbar, man muss schon weit hinausschwimmen, um das höchste städtische Gebäude in der Ferne zu erblicken.
Am See treffe ich meist niemanden. Sogar die Mücken kommen nur, wenn mein Mann sich dort ebenfalls aufhält. Also keine Mücken ohne Mann.
Die Reise zum See und zurück ist überwältigend, vor allem für die Nase: mal riecht es modrig, dann nach sommerlicher Wiese in voller Blüte, zwischendurch nach Heu, nach Pferden, Jasmin, nach den unzähligen zur Zeit blühenden Linden am Wegesrand, nach Schafen; nach Mückenmittel, wenn ich an Badestellen vorbei radle. Manchmal auch nach Grill, was meiner Nase sehr missfällt.
Das Einsiedler-Leben gefällt mir gut. Mein Kopf wird leer, die gewohnte Struktur der Tage außer Kraft gesetzt, ich vergesse zu essen, vergesse Tee zu trinken, vergesse den Briefkasten zu leeren. Und freue mich doch, wenn die ebenso „verwahrlosten“ Insulaner nach Wochen voller Abenteuer wieder nach Hause kommen.
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