Am Anfang steht für Mary Wollstonecraft Shelley die Frage: Was soll es werden? Eine Geistergeschichte? Ein Schauermärchen? Oder vielleicht – noch viel unheimlicher – eine Liebesgeschichte?
Was es in jedem Fall sein wird, steht fest: ein weiteres Kapitel jener Geschichte, die sie berühmt gemacht hat – Frankenstein.
So beginnt Maggie Gyllenhaahls Film „The Bride! – Es lebe die Braut“. Die Autorin selbst erscheint in einem einleitenden Monolog und bleibt in dieser Erzählung nicht nur Beobachterin. In einer der ersten Wendungen übernimmt sie den Körper einer jungen Frau namens Ida – eine Zeugin in einer düsteren Geschichte, die bald tödlich enden wird.
Der Film spielt im Chicago des Jahres 1935. Dort lebt das einsame, zusammengesetzte Wesen Frank (Christian Bale), Frankensteins Kreatur, die nach einem Gegenüber sucht. Er wendet sich an die exzentrische Wissenschaftlerin Dr. Euphronius (Annette Bening), die ihm helfen soll, eine Gefährtin zu erschaffen.
Die Gelegenheit ergibt sich, als Ida ermordet wird. Euphronius nutzt den Körper der jungen Frau für ein Experiment – und erweckt sie wieder zum Leben.
So entsteht die Braut.
Eine Schauspielerin, drei Figuren
Die Figur der Ida wird von Jessie Buckley gespielt – und mit ihr zugleich auch Mary Shelley und die Braut selbst. Buckley trägt den Film damit in mehrfacher Hinsicht: als Erzählerin, als Opfer und schließlich als neu entstandene Kreatur.
Ihre Darstellung bewegt sich zwischen Verletzlichkeit, anarchischer Energie und einer beinahe überbordenden Sprachlust. Die Braut redet, kommentiert, widerspricht – eine Figur, deren Bewusstsein ebenso explosiv wirkt wie ihre Existenz.
Neben Buckley und Bale versammelt der Film eine Reihe prominenter Namen: Neben Oscarpreisträgern wie Christian Bale und Penélope Cruz treten auch Annette Bening und Jake Gyllenhaal auf.
Die literarische Leerstelle der Braut
Der literarische Ursprung dieser Geschichte ist erstaunlich zurückhaltend. In Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ (1818) taucht die berühmte Braut nämlich gar nicht wirklich auf.
Zwar beginnt Victor Frankenstein damit, eine Gefährtin für seine Kreatur zu erschaffen – doch noch bevor sie zum Leben erwachen kann, zerstört er sein eigenes Werk wieder. Die Angst, zwei solcher Wesen könnten sich vermehren und eine neue Spezies begründen, erscheint ihm plötzlich größer als das Mitleid mit seinem einsamen Geschöpf.
Damit bleibt die Braut in der Literatur eine abgebrochene Möglichkeit, eine Figur, die nur als Entwurf existiert. Erst die Filmgeschichte machte aus dieser Leerstelle eine Ikone.
James Whales „Bride of Frankenstein“ (1935) verwandelte sie in eine der bekanntesten Gestalten des klassischen Horrorkinos – mit dem charakteristischen Haar, dem starren Blick und dem kurzen, erschrockenen Aufschrei.
Gerade weil Mary Shelley diese Figur nie vollständig ausgearbeitet hat, besitzt sie bis heute eine ungewöhnliche Offenheit. Jede neue Interpretation kann die Frage neu stellen: Was wäre aus dieser Kreatur geworden, wenn sie wirklich gelebt hätte?
Alter Stoff in neuen Formen
Der Film nimmt sichtbar Bezug auf James Whales Klassiker „Bride of Frankenstein“ (1935), der wiederum auf Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ (1818) zurückgeht.
Dabei arbeitet Gyllenhaal mit zahlreichen filmhistorischen Anspielungen. Einige Bildkompositionen erinnern an Fritz Langs „Metropolis“ (1927), besonders dort, wo Wissenschaft, Maschinen und Körper in einer expressionistischen Bildsprache zusammenfinden.
Auch humorvolle Referenzen tauchen auf: Eine Tanzsequenz zitiert Mel Brooks’ Parodie „Young Frankenstein“ (1974), komplett mit dem Song „Puttin’ on the Ritz“.
Ein Monsterpaar auf der Flucht
Im weiteren Verlauf entwickelt sich zwischen Frank und der Braut eine ungewöhnliche Beziehung. Die beiden Kreaturen erkennen im jeweils anderen etwas Verwandtes: das Gefühl, aus fremden Teilen zusammengesetzt zu sein.
Im dritten Akt eskaliert diese Verbindung. Das Paar begibt sich auf eine Art Bonnie-und-Clyde-ähnlichen Streifzug quer durch Amerika, der von der Polizei verfolgt wird und bald Schlagzeilen macht.
Währenddessen geschieht etwas, das keiner der Beteiligten geplant hat: Die Braut wird zur Projektionsfigur einer radikalen feministischen Bewegung, die in ihr ein Symbol für Selbstbestimmung und Widerstand erkennt.
Ein filmisches Monsterkabinett
Mit einer Laufzeit von über zwei Stunden entwickelt „The Bride!“ eine Mischung aus Gothic-Horror, Liebesgeschichte, Gesellschaftssatire und Roadmovie.
Selbst im Abspann bleibt der Film seinem spielerischen Umgang mit Genre und Filmgeschichte treu: Dort erklingt der Halloween-Klassiker „Monster Mash“ von Bobby „Boris“ Pickett.
So endet ein Film, der klassische Horrormotive, Popkultur und historische Referenzen miteinander verbindet – und dabei eine Figur ins Zentrum stellt, die ursprünglich kaum mehr als ein kurzer Schrei der Filmgeschichte war.
Die Braut ist hier mehr als ein Bild. Sie wird zur Stimme.
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