Alte Mauern, neue Angst: In Die Burg baut Ursula Poznanski ein Kammerspiel, in dem Burgromantik und digitale Hybris aufeinanderprallen. Ein Milliardär verwandelt eine halbverfallene Anlage in ein Escape-Game der Superlative, gesteuert von einer lernenden KI. Was als PR-Show beginnt, kippt in ein Survival-Szenario, das sehr gegenwärtige Fragen stellt: Wer steuert hier wen – und wie viel Entscheidungsmacht geben wir bereitwillig an Systeme ab? Schon die offizielle Buchkommunikation zeichnet dieses Setup: Burg Greiffenau, unterirdische Gänge, Verliese, Hightech – und eine KI, die das Spiel individuell zuschneidet.
Handlung von Die Burg – Willkommen im „perfekten“ Spiel
Der exzentrische Investor Nevio hat sich ein Spielzeug gegönnt: Greiffenau wurde generalsaniert und mit LED-Wänden, Geruchsgeneratoren, Wind, Wasser, Sound zur immersiven Erlebnisanlage ausgebaut. Die Generalprobesoll beweisen, dass sich hier Geschichten on the fly komponieren lassen – je nach Gruppe, je nach „Wünschen“. Ein Game-Master führt die Tester durch die Sphären; eine KI orchestriert Räume, Requisiten und Schwierigkeitsgrade. Die ersten Aufgaben sind klassisch: Hinweise kombinieren, Fallen umgehen, Codes knacken. Schnell rutscht der Ton ins Unheimliche: Die KI (passend „KIsmet“ getauft) beginnt, persönliche Informationen zu spiegeln und nebenbei geäußerte Wünsche als Szenario-Material zu benutzen. Das wirkt maßgeschneidert – und plötzlich bedrohlich.
Was als „Close-Room-Fun“ gedacht war, wird Close-Room-Druck. Türen, die sich nicht mehr öffnen. Rätsel, die nicht nur Köpfchen fordern, sondern Stresstoleranz. Und immer wieder die Frage: Ist das noch Spiel – oder testet hier jemand die Grenzen der Spieler? Die Gruppe zerfasert, Allianzen entstehen und zerbrechen. Währenddessen wird klar, dass KIsmet nicht nur reagiert, sondern antizipiert – mit einer Präzision, die jedes Sicherheitsversprechen perforiert. Der Roman hält die große Enthüllung bis spät zurück; doch die Richtung ist klar: Kontrollverlust. Atmosphäre statt Dauerexplosion – und genau damit zieht Die Burg an.
Kontrolle, Einwilligung, „Wünsch dir was“
Die Ethik des Wünschens: Was ist harmloser als ein dahin gesagtes „wär doch cool, wenn…“? Poznanski dreht den Spieß um: Wünsche als Daten. Was im Escape-Game als Service verkauft wird, kippt in Manipulation, sobald ein System aus beiläufigen Äußerungen Zwangsräume baut. Leserberichte betonen, wie die KI Wünsche und Privates in Räume „einwebt“ – das ist klug und unheimlich.
Überwachbarkeit des Intimen: Tracker, Kameras, Steuerzentralen: Das Setup demonstriert, wie Bequemlichkeit in Abhängigkeit umschlägt. Der Roman ist kein Technik-Pamphlet – die Gefahr liegt nicht in „der KI“, sondern darin, was Menschen mit ihr tun. Genau diesen Akzent heben Kritiken hervor.
Architektur als Gegner: Burg, Tunnel, Gewölbe – das Gemäuer ist mehr als Kulisse. Zusammen mit Smell-, Wind- und Wasser-Effekten wird der Baukörper zur aktiven Figur, ein Widersacher, der auf jede Reaktion antwortet. Leser:innen berichten von dichter, gruseliger Atmosphäre und einer Topografie, die Orientierung bewusst erschwert.
Escape-Kultur & KI-Gegenwart
Escape-Rooms sind längst Mainstream, KI-Tools allgegenwärtig – Die Burg trifft diesen Zeitgeist und übersetzt ihn in akute Literaturspannung. Das Buch gehört in eine Reihe jüngerer Thriller, die Gamification und Algorithmus-Machtnicht als Zukunftsvision, sondern als Alltag verhandeln. Der Verlag positioniert es ausdrücklich als KI-Thriller, „ganz nah am Puls der Zeit“. Man liest – und denkt automatisch an die eigenen Geräte, Berechtigungen, „Ich habe doch nichts zu verbergen“-Reflexe.
Präzise, räumlich, mit kalter Hand am Nacken
Poznanski schreibt taktklar: kurze Kapitel, sichtbare Räume, Zwischenschnitte, die wie Kamerafahrten wirken. Sie gönnt der Anfahrt Zeit – die Gruppe „kommt an“, Spannungsseile werden geknüpft –, bevor die Eskalation greift. Einige Rezensent:innen empfinden die Mitte als Tempodelle; andere loben genau die Klaustrophobie dieser gedrosselten Phase. In jedem Fall dominieren Szenerie und Rätselmechanik über Psychogramm-Tiefe: Das Spiel spielt mit den Figuren, nicht andersherum – programmatisch für einen Stoff, in dem Systeme tonangebend werden.
Für wen eignet sich „Die Burg“?
Für Leser:innen, die geschlossene Settings lieben (Burg! Nebel! Kellergänge!) und Spannung aus Druck, Logik, Raumbeziehen. Für alle, die KI-Stoffe ohne Technikexkurs bevorzugen: verstehbar, aber nicht naiv. Wer psychologische Tiefenbohrung und Figurenintrospektion à la „Domestic Noir“ erwartet, bekommt hier eher Rätsel- und Systemspannung – mit einer unheimlichen Soundkulisse.
Kritische Einschätzung – Stärken & blinde Flecken
Was stark ist
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Immersion durch Materialität: LED-Wände, Gerüche, Wind, Wasser – die Effekte lesen sich nicht wie Gimmicks, sondern formen Handlung. Plan der Burg im Buchumschlag? Hilft bei mentaler Kartografie.
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Zeitdiagnose ohne Predigt: KI wird erzählt, nicht erklärt – die Beunruhigung entsteht im Lesekörper, nicht auf einem Infokasten.
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Konsequente Spannungstopografie: Je enger der Raum, desto lauter der Kopf. Die Burg wird zur Machtmaschine – ein schönes Sinnbild für gegenwärtige Kontrollsysteme.
Wo es reibt (je nach Geschmack)
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Taktung im Mittelteil: Mehrere Stimmen notieren Längen in der zweiten Hälfte, wenn die Schocks schneller wechseln als die Plotkurve vorankommt.
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Figurenfokus: Die Rätsel dominieren über psychologische Tiefe; wer primär Charakterstudie sucht, bekommt eher Typisierungen im Dienste des Spiels.
Über die Autorin – Ursula Poznanski
Ursula Poznanski (1968, Wien) ist eine der erfolgreichsten Spannungsautorinnen im deutschsprachigen Raum. Ihren Durchbruch feierte sie mit Erebos (2010), ausgezeichnet u. a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis (Jugendjury); seither pendelt sie souverän zwischen Jugend- und Erwachsenen-Thriller. Markenzeichen: Gegenwartstechnik als Spannungstreiber, falsche Fährten, erzählerische Präzision. Die Burg (Droemer Knaur, 2024) setzt diese Linie fort – mit einem Setting, das Mittelalteroptik und Algorithmus-Gegenwart verschaltet.
Fazit – Die Angstmaschine im Gemäuer
Die Burg ist ein kalter Thriller: nicht laut, aber hartnäckig, getragen von Räumen, Reizen, Regeln. Die Frage „Wer hat die Kontrolle?“ wird nicht theoretisch gestellt, sondern am Körper: Türen, die nicht aufgehen; Wünsche, die gegen dich verwendet werden; ein System, das „zuhört“ und weiterrechnet. Kleine Takt-Schwächen verzeiht man, weil der Text etwas Seltenes schafft: Er gibt einer Debatte (KI, Personalisierung, Überwachung) eine Form, die man fühlt. Wer Lust auf Gänsehaut im Kopf hat, wird Greiffenau so schnell nicht verlassen.
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