Der König von Narnia von C. S. Lewis – Durch den Pelzmantel in die Ethik

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Es beginnt so harmlos wie ein Kinderstreich: vier Geschwister, ein Landhaus, ein Kleiderschrank. Dahinter wartet keine Mottenkugel, sondern Narnia – Winter ohne Weihnachten, Herrschaft der Weißen Hexe, ein Land, das nach Gerechtigkeit hungert. Der König von Narnia (engl. The Lion, the Witch and the Wardrobe, 1950) ist der berühmteste Band der Reihe: ein Abenteuer mit Fabelwesen und Fackellicht – und zugleich eine überraschend klare Erzählung über Verrat, Mut, Opfer. Wer als Kind eintrat, erkennt als Erwachsener: Dieses Buch ist weniger Märchen, mehr Gewissensschule mit Schneeknirschen.

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Der König von Narnia (Die Chroniken von Narnia, Bd. 2): Neuübersetzung

Handlung von Der König von Narnia – Winter, Wölfe, ein Löwe

Wegen der Bombennächte wird das Pevensie-Quartett – Peter, Susan, Edmund, Lucy – aufs Land geschickt. Bei einer Runde „Haus erkunden“ landet Lucy in einem Schrank, dessen Rückwand sich in Tannenwald auflöst. Am Laternenpfahl trifft sie Herr Tumnus, einen Faun mit schlechtem Gewissen: Die Weiße Hexe hat Narnia in ewigen Winter gezwungen und Befehle ausgegeben, Menschenkinder zu verraten. Lucy entkommt, glaubt an Wunder. Edmund stolpert später selbst in Narnia, gerät an die Hexe, die mit Türkischem Honig und leeren Versprechen Loyalität kauft. Als alle vier schließlich eintreten, hat der Wald die Lage bereits gehört: Aslan ist „unterwegs“.

Der Roman setzt keine Schlachtenorgie in Szene, sondern eine moralische Linie: Edmunds Fehltritt, Lucys Unbeirrtheit, Peters und Susans Ringen um Verantwortung – und der Moment, in dem ein Löwe eine Entscheidung trifft, die weit mehr ist als Taktik. Auf dem Weg dorthin begegnen die Kinder sprechenden Tieren, Bibern, Zentauren, der eisigen Bürokratie der Hexe und einer Prophezeiung, die weniger Schicksal als Einladung ist. Wie das alles ausgeht? Wer das Buch noch nicht kennt, sollte die Magie nicht in einer Rezension verlieren. Wichtig ist: Die Auflösung ist elegant, mutig und konsequent, ohne den Leser mit Predigt zu verjagen.

Themen & Motive – Versuchung, Verantwortung, Gnade

Versuchung als Täuschung der Bedürfnisse

Edmunds berühmte Szene mit dem Türkischen Honig ist keine banale Nascherei, sondern eine Lektion: Versuchung verkauft Sofort-Bedürfnisbefriedigung als Liebe. Lewis schreibt das ohne moralisches Gewitter, aber mit chirurgischer Präzision – man spürt, wie leicht wir uns belügen, wenn Lob und Süßes in einer Schale liegen.

Mut ist leise

Peters Heldentum hat Schwertglanz, Lucys Mut hat Zähigkeit: das richtige Wort, die richtige Treue, das Heilsame aus einer kleinen Flasche genau im richtigen Moment. Beides ist Mut, doch der Roman adelt ausdrücklich die unspektakuläre Form.

Gerechtigkeit und Gnade.

Die Weiße Hexe pocht auf „Deep Magic“ – strenge Gesetzeslogik, buchstabentreu. Aslan kennt diese Tiefe – und eine noch tiefere. Das ist keine Predigt, sondern Dramaturgie: Das Recht wird nicht gebrochen, sondern überboten. Wer religiöse Bilder erkennt, darf sie lesen; wer ohne sie auskommt, versteht dennoch: Gnade ist stärker als Verrechnung.

Welt als Erziehungsraum.

Narnia ist nicht Flucht, sondern Spiegel: Hier lernen Kinder, was Erwachsenenwelt oft verwischt – Wahrheit, Konsequenz, Vergeben. Dass das in Pelz und Popo-Humor verpackt ist (ja, Biber können komisch sein), macht es umso wirksamer.

Nachkrieg, Mythos, Moderne

Erschienen 1950, schreibt Lewis in eine Welt, die gerade den Zweiten Weltkrieg hinter sich hat. Evakuierte Kinder, zerstörte Städte, die Frage nach Richtig und Falsch – all das fließt ein, ohne dass der Text je dokumentarisch würde. Zugleich gehört der Roman zur großen Mythenfamilie: sprechende Tiere, Versuchung im Garten, Opfer und Auferstehung. Lewis, Oxford-Gelehrter und Inkling-Freund von Tolkien, war überzeugt, dass Mythos Wahrheiten bewohnbar macht. Man muss diesen Hintergrund nicht teilen, um den Effekt zu spüren: Der Stoff ist klar, unaufdringlich ernst, und genau darum zeitlos.

Stil & Sprache – Schnörkellos, spielerisch, punktgenau

Kein barocker Erzählfluss, sondern klare Sätze, ein Erzähler, der gelegentlich Augenzwinkern zulässt („Wie ihr euch denken könnt…“), Dialoge, die in der Erinnerung bleiben. Die Bilder – Laternenpfahl, Steintafel, Schlitten der Hexe – sind ikonografisch stark, weil sie einfach sind. Wer vorliest, merkt: Der Text atmet, stoppt für Fragen, gönnt sich Humor – und findet doch zügig zum Punkt. Für Kinder ist das Tempo ideal; Erwachsene spüren die zweite Ebene in denselben Sätzen.

Für wen eignet sich „Der König von Narnia“?

Für Leser ab etwa 8–10 Jahren zum Vorlesen oder Selberlesen – und für Erwachsene, die nicht bloß Nostalgie wollen. Buchclubs bekommen Gesprächsstoff zu Verantwortung, Vergeben und Autorität (wann ist sie legitim?). Pädagogischer Bonus: Der Roman ermöglicht Gespräche über Schuld, ohne Beschämung zu betreiben – durch Erzählung statt Zeigefinger.

Kritische Einschätzung – Warum das funktioniert (und wo es reibt)

Was glänzt

  • Dramaturgische Klarheit: Jedes Motiv sitzt dort, wo es Wirkung entfaltet – vom Honig bis zur Steinplatte.

  • Ethik in Storyform: Keine Lehrstunde, sondern Handlung, die Haltung erzeugt.

  • Bildgedächtnis: Motive, die zu Kultursymbolen werden (Lampe, Löwe, Winter).

Was reiben kann

  • Allegorie-Sensibilität: Wer Symbolik grundsätzlich scheut, merkt sie.

  • Schwarz-Weiß-Anmutung: Die Hexe ist klar böse; Ambivalenz liegt eher in den Kindern – für manche Leser zu geradlinig, für andere genau die Stärke.

  • Zeitkolorit: Einzelne Wendungen tragen den Ton ihrer Epoche; moderne Lesarten (z. B. Geschlechterrollen) diskutiert man am besten mit dem Text, nicht gegen ihn.

Über den Autor – C. S. Lewis in Kürze

Clive Staples Lewis (1898–1963) lehrte in Oxford und Cambridge, war literarischer Essayist und Romanautor. Im Kreis der Inklings (u. a. mit J. R. R. Tolkien) diskutierte er, wie Mythos Wahrheiten verkörpern kann. Neben Narnia schrieb er die Weltraum-Trilogie (Perelandra), Apologetik (Über den Schmerz, Pardon, ich bin Christ) und Allegorien (Die große Scheidung). Sein Erzählprinzip in Narnia: einfach erzählen, tief wirken.

Fazit – Ein Winter, der den Charakter schärft

Der König von Narnia ist der seltene Klassiker, der kinderleicht erzählt und erwachsen nachhallt. Er zeigt, wie Versuchung klingt, wie Mut sich anfühlt und warum Gnade keinen Kitsch braucht. Wer einmal durch den Pelzmantel gegangen ist, hütet den Laternenpfahl im Kopf wie eine innere Wegmarke. Und genau deshalb gehört dieser Band nicht nur ins Kinderzimmer, sondern ins Langzeitgedächtnis.

Reihen-Überblick: Narnia in sinnvoller Lesereihenfolge

Viele deutschsprachige Ausgaben sortieren chronologisch nach Handlung. Wer beim Ursprung anfangen will, startet mit Das Wunder von Narnia. Wer Überraschungen des zweiten Bands schützen will, kann mit Der König von Narniabeginnen. Kurzüberblick:

  1. Das Wunder von Narnia – Schöpfung, Laternenpfahl, Ursprung des Kleiderschranks.

  2. Der König von Narnia – Ewiger Winter, Kinder in Narnia, Aslans große Entscheidung.

  3. Der Ritt nach Narnia – Reise südlich der Grenzen; Identität als Weg.

  4. Prinz Kaspian von Narnia – Rückkehr und Erneuerung; Narnia findet seine Stimme wieder.

  5. Die Reise auf der Morgenröte – Inseln, Prüfungen, Wandlung (Eustachius!).

  6. Der silberne Sessel – Unterwelt, alte Eide, neue Freundschaften.

  7. Der letzte Kampf – Falsche Zeichen, echte Treue, die letzte Tür.


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