Geschichte: Dilara Sophie Schömer

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Eilig rannte ich durch das hohe Gras. Es war schon Nachmittag, bald würde die Sonne untergehen. Doch jetzt strahlte diese noch hell genug, dass ich die Landschaft unter mir sah und nicht hinfiel. Als ich jedoch das Feld hinter mir gelassen hatte und in den dichten Wald rannte, wurde es schlagartig dunkel und man sah nur wenig vom Boden, woraufhin ich auf jeden meiner schnellen Schritte achtete, nicht auszurutschen. Doch das war ziemlich schwer, denn gleichzeitig schaute ich regelmäßig nach hinten, um sicherzugehen, dass mein Verfolger noch weit hinter mir war. Er hatte mittlerweile das Feld schon längst hinter sich gelassen, er war unglaublich schnell. Ich konnte sein Gesicht kaum erkennen, doch er rannte, als würde er immer noch nicht aus der Puste sein, obwohl er mir schon seit 5 Minuten hinterher sprintete.

Die Tür des Cafés klingelte, als ich rauslief. Ich hatte Feierabend und wollte so schnell wie es geht nach Hause, denn dort wartete jemand.
„Kylie, warte!“ Neo winkte mir zu und ließ ebenfalls die Tür hinter sich zufallen.
„Danke, dass du mir vorhin geholfen hast.“ Er grinste und entblößte eine Reihe weißer Zähne.
„Gerne, ich muss jetzt los, wir sehen uns morgen früh“, sagte ich schnell. Ich sollte jetzt wirklich los, der Gast müsste schon seit einer halben Stunde vor meinem großen Holzhaus sein. Neo musste es mir ansehen.
„Okay, kein Ding, dann reden wir morgen früh.“ Ich sah ihn dankbar an und nickte. Er lächelte mir zu und verschwand dann auch schon im gegenüberliegenden Haus. Manchmal würde ich auch gerne in einem modernen, weißen Haus wohnen, mitten in der Stadt, aber mein Schicksal wollte es anscheinend nicht so. Ich hatte noch einen langen Weg vor mir. Erst einen langen Straßenweg, nur geradeaus. Der dauerte 5 Minuten. Überall hörte man fröhliches Vogelgezwitscher und es roch nach Sommer und Meer. Nach dem Straßenweg kam der Feldweg. Nach ein paar Minuten sah ich das hohe Gras von weitem. Von hinten hupte ein Auto. Ich drehte mich um und sah einen schwarzen BMW, der neben mir zum Stehen blieb. Panisch verschnellerte ich meine Schritte.
„Stopp!“ Komischerweise hielt ich an. Meine Neugier schickte mich noch in den Tod.
Der Mann, der gerufen hatte, meinte tatsächlich mich.
Er sah mich mit dunklen Augen an.
Diese waren bei näherem Hinsehen schwarz und furchteinflößend. Er hatte einen wilden Ausdruck in seinem Gesicht, und plötzlich schlich sich auch ein böses Grinsen in sein Gesicht.
Er stand jetzt genau vor mir. Ich hatte keine Angst, im Gegenteil, ich war neugierig und wollte wissen, was er von mir wollte.
Nur seine unnatürlichen Augen machten mir ein wenig Sorgen.
„Kennen wir uns?“ Er schüttelte mit dem Kopf.
„Wollen Sie mit mir kommen?“ Er versuchte charmant zu wirken, doch man hörte deutlich seine Ungeduld heraus.
„Nein, danke. Wenn es dir nichts ausmacht, gehe ich dann mal weiter.“ Ich hatte mich schon halb umgedreht, da packte er meinen Arm.
Instinktiv trat ich dem Fremden mitten rein.
Zu meinem Glück ließ er meinen Arm los und schrie laut auf.
Ich kannte ihn nicht, er war wahrscheinlich einer von diesen Männern, die denken, sie könnten einfach wildfremde Frauen belästigen.
„Du Miststück, ich bring dich um!“ flüsterte er, so dass ich es noch hören konnte.
Ich nutzte diese Chance und rannte um mein Leben. So kamen wir an den Punkt, wo ich im Wald war und nicht mehr wusste, wohin. Was sollte ich machen, wenn ich im Haus angekommen war? Dort gab es kein Schloss, weil sich sowieso niemand dorthin traute und die Hütte ziemlich tief im Wald lag. Vielleicht konnte mir Aiden helfen, der hoffentlich schon dort wartete.
Man sollte sich jedoch nicht auf Menschen oder andere Wesen verlassen, deshalb blieb ich abrupt stehen und lief links zwischen zwei Bäume. Meine Lunge raste, doch ich versuchte, die Luft anzuhalten, um kein Geräusch von mir zu geben.
Zu meiner Überraschung konnte ich sehen, wie der junge Mann weiterlief, bis ich ihn nicht mehr sah.
Erleichterung überkam mich, doch nur kurz. Von rechts spürte ich einen heißen Atem in meinem Nacken. Ich erstarrte.
„Buhh!“ Ich sprang vom Baum weg. So langsam hatte ich doch Angst.
Vorhin im hellen Sonnenlicht hatte sich das alles noch wie ein Spaß angefühlt, doch jetzt sprang mein Gehirn in Alarmbereitschaft.
Ich fing an zu zittern.
„Dachtest du, ich laufe an dir vorbei?“ Er lachte laut auf.
„Hältst du mich für so dumm, Kleines?“ Er nahm meine glühende Wange in die Hand.
„Ich kenne dich doch gar nicht, was willst du von mir!“ Ich schlug seine Hand weg.
Ich wusste nicht, woher mein Mut kam.
„Das wirst du niemals herausfinden, wenn ich fertig mit dir bin.“ Er grinste.
„Warum ich?“ Trotz meiner Situation versuchte ich, laut zu klingen.
„Keine Fragen mehr, Kleines.“ Er zog etwas aus seiner Hosentasche.
Ein kleines Taschenmesser. Denkt er, er könnte mich so leicht umbringen?
Ich unterdrückte ein Glucksen.
„Gleich wird dir das Lachen vergehen, ich habe nicht gesagt, ich werde dich sauber töten, ohne dass du leidest.“ Verstört sah ich ihn an. Zeit schinden. Die Hütte war nicht so weit, vielleicht würde Aiden kommen.
„Warte, wie ist dein Name?“ fragte ich schnell und versuchte, interessiert zu sein.
„Du kannst mich sowieso nicht mehr verpetzen, wenn du tot bist“, erwiderte er belustigt.
„Es ist nur für mich und den Tod.“ Ich musste ihn ja glauben lassen, er hätte gewonnen.
Doch wenn nur eine kleine Hoffnung bestand, dann war mein Todesurteil noch nicht geschlagen.
„Pendragon.“ Ich nickte langsam.
„Interessanter Name. Weißt du, wie ich heiße?“ Ich kam mir dämlich vor.
„Kleines, ich weiß, dass du mich nur ablenken willst.“ Er lachte wieder auf. Innerlich seufzte ich.
Ich wollte gerade widersprechen, da tropfte Blut aus Pendragons Mund. Sein Lächeln war wie weggewischt. Dann fiel er zu Boden. Sein Kopf schlug laut auf.
Blut floss auf die Grasfläche und seine blonden, langen Haare wurden rötlich.
Aiden stand vor mir. Er sah erschrocken an mir herab. Dann trat er näher und schlang seine Arme um meinen Körper und hielt mich ganz fest.
Ich presste mich an ihn.
„Geht es dir gut?“ fragte er besorgt.
Langsam nickte ich und ließ ihn los.
Er roch im starken Kontrast zum Wald nach frisch gebackenen Waffeln und Nutella.
„Was ist mit ihm passiert?“ Aiden hielt eine Hand hoch. Selbst mit dem wenigen Licht sah man, dass seine Hand voll mit Blut war.
Man sah bei der Leiche ein klaffendes Loch in der Brust.
Erschrocken sah ich ihn an.
„Das musst du mir jetzt erklären.“ Erwartungsvoll stemmte ich die Hände in die Hüften.
Er zuckte nur mit den Schultern.
„Später. Vielleicht erklärst du mir mal, was der junge Mann von dir wollte?“ Jetzt war ich es, die mit den Schultern zuckte.
„Er hat mich vom Café aus bis hierher verfolgt. Wahrscheinlich nur ein Mann, der sich an Frauen ranmacht. Ich habe ihm aber mitten rein getreten, ich glaube, da wurde er sauer.“ Ich wollte mir ehrlich gesagt nicht zu viele Gedanken darum machen.
Pendragon lag dort, tot, und konnte niemandem mehr etwas antun.
Was in meinem Kopf eher herumschwirrte, war die Tatsache, dass Aiden ihn mit bloßen Händen umgebracht hatte.
Aiden wurde mit schwarzen Locken gesegnet, die seine strahlend blauen Augen betonten.
Er war groß, größer als mein Verfolger, und als er mich so ansah, mit einem aufrichtigen Lächeln im Gesicht, sah man ein Grübchen auf der linken Seite, das ich überall wiedererkennen würde.
„Gehen wir zu deinem Haus?“ Nach wenigen Minuten traten wir ein.
Es roch genauso wie Aiden.
Unwillkürlich musste ich lächeln.
„Ich glaube, du riechst es schon.“ Auch wenn es mein Haus war, führte er mich in die Küche und präsentierte mir frisch gebackene Waffeln.
Ich und Aiden kannten uns vom Café.
Das war gerade mal vor einem Monat, da saß ich an einem der runden, beigen Tische.
Nichts Besonderes, einer der Mitarbeiter verwechselte unser Essen.
Schließlich kam er zu mir und gab mir mein Essen und ich ihm seins.
Ich fand Aiden ziemlich komisch damals, weil er sich dann einfach zu mir gesetzt hatte und gefragt hatte, ob er mein Essen nochmal bestellen sollte. Er dachte, dass ich dachte, er würde in mein Essen spucken. Genauso hatte er es gesagt. Daraufhin hielten wir einen kurzen Small Talk.
Die nächsten Tage sahen wir uns immer wieder auf der Straße und als die Ferien vorbei waren, kam er sogar in meine Klasse.
Von da an unternahmen wir einiges zusammen und sahen uns jeden Tag.
„Schmeckt es dir?“ Ich konnte nur nicken, weil mein Mund voller köstlicher Waffeln war.

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