„Ist sie noch da?“, fragst du mich leise, weichst meinem Blick aus, ergreifst nervös den Henkel deiner Tasse Tee. „Kannst du mal bitte aus dem Fenster schauen? Aber unauffällig! Bitte absolut unauffällig!“
„Ja, natürlich, mache ich“, sage ich, unterdrücke ein Seufzen, stehe vom Frühstückstisch auf, stelle mich zur Wand neben das Fenster. Dir zuliebe schiebe ich den Vorhang nicht beiseite, schaue seitlich durch den transparenten Vorhang hinaus. Ich sehe unsere Nachbarin aus ihrem Haus und durch ihren Vorgarten gehen, dann in ihr Auto steigen. Vielleicht fährt sie einkaufen. Oder sie trifft sich mit einer Freundin in einem Café.
„Und?“ fragst du aufgeregt.
„Nein, sie ist nicht da“, sage ich.
„Sicher?!“ Du siehst mich zweifelnd an, umklammerst noch immer den Henkel deiner Tasse. „Vorhin - vor ein paar Minuten war sie noch da! Warum steht sie jeden Morgen vor unserer Haustür? Was will sie von uns? Ich meine - wir haben doch nichts Böses getan, oder?!“
„Nein, natürlich nicht. Bitte trinke deinen Tee.“
Du hebst umständlich deine Tasse hoch, nippst vorsichtig daran.
„Der schmeckt bitter!“
„Dann nimm noch“, schiebe ich dir den Zuckerstreuer zu.
Du streust fahrig Zucker in deinen Tee, rührst ewig lange um, trinkst, sagst: „Besser.“
„Sehr gut. Iss doch auch etwas Toast dazu.“
Du isst und trinkst mit angespanntem Gesichtsausdruck. Ich weiß, dass du ununterbrochen an sie denken musst. Du tust mir leid. Ich tue mir auch selbst leid.
„Weißt du eigentlich, warum ich immer sie sage - so, als ob es sich um eine einzelne Person handelt?“ Du räusperst dich.
„Ja“, sage ich, „das weiß ich. - Komm, trink endlich deinen Tee aus. Bitte!“
Du trinkst deinen Tee aus.
Ich atme erleichtert auf. In spätestens einer halben Stunde wirst du nicht mehr an sie denken. In spätestens einer halben Stunde wirst du sie vergessen haben.
„Ich sage sie“, beginnst du, und jedes einzelne Wort, welches du jetzt sagen wirst, kenne ich in- und auswendig, „weil ich das nicht so beängstigend finde. Es wäre zu bedrohlich für mich, ‚Die Menschen vor unserer Haustür‘ zu sagen. Und dazu das Bild von ihnen in meinem Kopf! Sie sind ja so unglaublich viele - ich schätze, weit über hundert! - Eine Menschentraube - sie. Singular. Das gibt mir das Gefühl, als könnte ich sie - sie einmal in den Griff kriegen, so wie man Weintrauben am Stiel nehmen kann und - ja, deshalb sage ich sie … verstehst du?“
Du schweigst erschöpft, schließt die Augen.
„Ja“, sage ich. „Ja, ich verstehe.“
In spätestens einer halben Stunde werden die Medikamente wirken, die ich dir jeden Morgen in deinem Tee auflöse, seitdem du dich weigerst, sie zu schlucken. In spätestens einer Stunde werden wir gemeinsam spazieren gehen, und dir wird völlig egal sein, ob wir Einzelpersonen oder Menschentrauben begegnen.
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