Das Schulsystem - Julina Behrendt

Vorlesen

Das deutsche Schulsystem.

Ein System.

Sollen dankbar für die Bildung sein. Haben ja auch keine Wahl. Schulpflicht.
Wenn ich diese erzwungene Bildung nicht möchte, bin ich undankbar – logisch.
Mein Leben vorbestimmt ab dem ersten Atemzug.
6 Jahre Kind sein. Reicht.
Genug freier Entwicklungsraum, um sie ab sofort in dasselbe System zu stecken.
Ein System aus Vergleich, Druck und Leistung.
Die Leistung – von Tag eins das Einzige, was zählt.

Vier Jahre alle Kinder gemischt,
um sie dann in Schubladen sortieren zu können:
Gymnasium, Realschule und Hauptschule.
Keiner spricht es aus,
aber es ist schon besser, auf ein Gymnasium zu gehen.
Warum? Leistung.

Kinder wachsen im Vergleich.
Im Vergleich zu ihrem Umfeld.
Die Leistungen und Bewertungen ganz oben.
Eine 1 ist eben besser als eine 3.
Find dich damit ab.
Vielleicht sind deine guten Mitschüler ja ein Ansporn für dich, um besser zu werden.

„Ich muss besser werden.“ – „Ich bin nicht gut genug.“
Meine Leistungen bestimmen mich.
Meine Leistungen bestimmen meinen Wert.
Mit schlechten Noten bin ich wertlos.
Ohne die Schule bin ich wertlos.
Ein Niemand.

10 Jahre habe ich die Möglichkeit – also dann der Schulpflicht –,
meinen Wert als Mensch zu formen.
Naja, ein gutes Abitur sollte man schon haben.
Also 13 Jahre.

Ab der 5. Klasse gibt’s das Programm dann in Vollzeit:
Ca. 36 Stunden in der Schule.
Zu Hause dann Hausaufgaben, Projekte und Lernen für Klausuren.
Für ein Kind definitiv machbar.
Werd aber bitte nicht schludrig.
Du hattest wirklich genug Zeit.

Druck.
Klausuren, in denen du alles abrufen musst, was du gelernt hast.
90 Minuten Zeit.
Wettrennen gegen die Zeit.
Panik.
Blackout? Schwach.
Nächstes Mal musst du mehr lernen.
Schweiß und Tränen. Wochen am Schreibtisch.
Hobbys und Freunde abgeschrieben.
Dafür hast du nach der Schule genug Zeit.

„Schule geht vor.“
Ich bin einfach nicht gut genug.
Die Anderen sind viel weiter als ich.
Vergleich.
Mama sagt, ich bin perfekt, wie ich bin.
Meine Noten sagen was anderes.

Noten haben Macht.
Noten entscheiden über meine Zukunft.
13 Fächer – 13 Noten – 13 Möglichkeiten, meinen Wert zu bestimmen.
Meine Stärken? Deutsch – Analysieren kann ich gut.
Meine Schwächen? Mathe – diese Formeln kriege ich nicht in meinen Kopf.
Ich muss mehr dafür lernen.

Stärken neben der Schule?
Dafür gibt es keine Note, steht auf keinem Zeugnis – also hat es keine Bedeutung.
Keine Priorität. Schule geht vor.

Mama, ich habe Liebeskummer.
Mama, ich habe Streit mit meiner besten Freundin.
Kind, du schreibst nächste Woche Klausuren. Konzentrier dich darauf.
Schule geht vor.

Ich muss zu Hause noch 2 Aufsätze schreiben,
eine Präsentation fertigstellen,
für den Test morgen und die 3 Klausuren diese und nächste Woche lernen.
Mama hat nächste Woche Geburtstag.
Ich brauche noch ein Geschenk.
Ich muss Volleyball und Reiten diese Woche absagen
und das Treffen mit meiner Freundin verschieben.

Kontrollverlust.
Schaffe es nicht zu essen. Schule geht vor.
Krank sein – keine Option.
Ich hab doch nur leichtes Fieber, mit Tabletten kann ich zur Schule gehen.
Den Stoff nachholen zu müssen, kann ich mir nicht leisten.
Mein Kopf dröhnt, aber ich muss noch lernen.
Die Klausur wird schwer.
So viele Formeln, die ich auswendig lernen muss.
Werde nicht mehr essen. Kann es kontrollieren. Wenigstens etwas.

Warum gibt es beim Arzt eigentlich immer so viele Bücher?
Ich muss doch alles im Kopf haben.
Warum gehen diese Formeln nicht in meinen Kopf?
Ich bin zu nichts zu gebrauchen.
Ich funktioniere einfach nicht.
Meine Mitschüler können das alle – nur ich nicht.
Wann soll ich noch die Präsentation für Geschichte fertig machen?
Mein Kopf dröhnt.
Wir haben noch Hausaufgaben in Englisch?

Schnitt.
Halte den Druck nicht aus.
Bing Teams-Nachricht: „Bringt morgen Laufschuhe mit. Wir beginnen mit dem Thema Joggen.“
Aber ich hab einfach keine gute Ausdauer.
Ich bin viel besser in Krafttraining.
Das ist unfair.
Ich brauche eine Pause.

Schnitt.
Fliehe in den Schmerz.
Leistung oder Gesundheit?
Schule oder Leben?
Ohne Schule bist du nichts.
Ein Niemand.
Ich habe keine Wahl.

Mama, das ist unfair.
Mama, mir geht’s nicht gut.
Mama...

Schnitt... ERROR. Bewerten Sie dieses Modell mit den Noten 1–6.


Gefällt mir
1
 

Topnews

Mehr zum Thema

Aktuelles

Rezensionen