Mit „Spätsommertod“ schickt Kristina Ohlsson ihre Kultfigur August Strindberg in den vierten Fall: Ein älteres Ehepaar wird in der Bohuslän-Idylle Hovenäset vergiftet, kurz bevor das traditionelle Krebsfest steigen soll. Während Strindberg mit Tochter Sofia die letzten warmen Tage genießt, kehrt Kommissarin Maria Martinsson aus der Elternzeit zurück – und die Ermittlungen durchkreuzen private Pläne.
Spätsommertod (August Strindberg 4) von Kristina Ohlsson: Giftanschlag, Krebsfest, Küstenidylle
Hovenäset zwischen Krebsfest und Kriminalfall
Ohlsson verknüpft drei Auslöser: den Giftanschlag auf ein älteres Paar, ein mysteriöses Fotoalbum mit Spuren in die Familiengeschichte von Strindbergs Großvater – und die Absage des Krebsfestes, die den Ort erschüttert. Maria Martinsson übernimmt den Fall; Strindberg selbst steht zwischen Sorge um seine Tochter, beruflichem Alltag und einem privaten Vorhaben, das er nun aufschieben muss. Ohlsson baut den Spannungsbogen über Zeugenaussagen, Dorfklatsch und sich verdichtende Indizien auf, ohne das finale Puzzleteil vorwegzunehmen.
Motive & Deutung: Dorfgeheimnisse, Familienbilder, Ritual und Verantwortung
Drei Leitmotive tragen den Roman:
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Die Dialektik der Idylle – Das beschauliche Küstendorf wird zur Bühne für Ressentiments, alte Rechnungen und Loyalitätskonflikte. (Hintergrund: Hovenäset ist ein kleines Fischerdorf nahe Kungshamn/Smögen, bekannt für seine typische Bohuslän-Kulisse.)
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Erinnerung als Ermittlungswerkzeug – Das Fotoalbum steht für Ohlssons Grundfrage, wie Vergangenheit in der Gegenwart weiterwirkt: Was zeigen Bilder – und was verschweigen sie?
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Ritual & Gemeinschaft – Die Kräftskiva (Krebsfest) markiert den Abschied vom Sommer; ihr Ausfall spaltet die Dorfgemeinschaft und liefert erzählerische Reibung. (Die Kräftskiva ist ein spätsommerliches Straßen-/Gartenfest mit Flusskrebsen, Lampions und Trinkliedern – eine feste Größe der schwedischen Alltagskultur.)
Weiterdenken beim Lesen: Verharmlosen vertraute Rituale die blinden Flecken einer Gemeinschaft – oder machen sie gerade erst sichtbar? Und wo endet im Fall Strindberg die private Neugier und wo beginnt unzulässige Einmischung?
Bohuslän als Schauplatz – warum der Ort den Krimi trägt
Ohlsson nutzt die Westküsten-Topografie als Spannungsraum: viel Meer, enge Nachbarschaften, saisonale Verdichtung im Sommer. Hovenäset (Gemeinde Sotenäs) liegt nur wenige Kilometer von den Touristenmagneten Kungshamn und Smögen – die Nähe erklärt plausibel, warum im Roman Fremde, Zweitwohnungsbesitzer und Alteingesessene aufeinandertreffen. Das Krebsfest wiederum ist mehr als Kulisse; es strukturiert Zeit und Erwartungen, verschiebt Loyalitäten und erzeugt sozialen Druck – exakt die Kräfte, die in Kriminalromanen Konflikte befeuern.
Atmosphäre statt Effekthascherei
Stilistisch bleibt Ohlsson zugänglich und bildhaft, mit kurzen bis mittleren Kapiteln, pointierten Schauplatzwechseln und dialoggetriebenen Szenen. Wechselnde Fokuspunkte (August, Maria, Dorfbewohner) sorgen für Tempo, ohne den Überblick zu verlieren. Dass der Band mit 576 Seiten raumgreifend erzählt, ist Programm: Ohlsson will die Gemeinschaft in ihrer ganzen Breite zeigen – mit Tratsch, Traditionen, Kinderalltag (Sofia), Polizeiroutine und den Schatten der Geschichte. (Einige aktuelle Blog-Besprechungen loben Lokalkolorit und Figurenwärme, vermerken aber auch viele Nebenbaustellen, die für Einsteiger etwas ausufern können.)
Reihenwissen & Einstieg: Brauche ich die Bände 1–3?
„Spätsommertod“ ist Band 4 der Reihe „August Strindberg ermittelt“; zuvor erschienen „Die Tote im Sturm“, „Das Feuer im Bootshaus“ und „Die Frau im Eishaus“ (deutsch 2022–2024). Man kann hier quasi quer einsteigen, doch die Beziehungsdynamik (Strindberg/Martinsson, Ortsnetzwerk) wirkt runder, wenn man mindestens Band 1 kennt. Für Reihen-Neulinge: Band 1 verankert Strindbergs Hintergrund – vom Umzug aus Stockholm über seinen Secondhand-Laden im ehemaligen Bestattungsinstitut bis zur Bekanntschaft mit Maria.
Für wen funktioniert „Spätsommertod“ besonders gut?
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Fans nordischer Kleinstadt-Krimis, die Atmosphäre, Gemeinschaftsdramen und Charakterentwicklungschätzen.
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Leser*innen, die „Cozy Crime mit Biss“ mögen: familiäre Alltagsbeobachtung plus ernsthafte Ermittlungsarbeit.
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Reihenleser*innen, die an Figurenbögen (Vaterschaft, Partnerschaft, berufliche Rollen) mehr Freude haben als an reiner Rätselmechanik.
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Einsteiger*innen mit Geduld für umfangreiche Krimis – wer sehr kompakt erzählte Whodunits sucht, greift eher zu etwas Schlankeren. (Band- und Reiheninfos beim Verlag belegen Umfang und Einordnung.)
Kritische Bewertung – Stärken & mögliche Schwächen
Stärken
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Dichte Schauplatzarbeit: Bohuslän/Hovenäset fühlt sich konkret an; das Krebsfest als sozialer Taktgeber verleiht dem Fall Eigenprofil.
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Figurenchemie: Die Balance aus Strindbergs Privatleben (Sofia, Heiratspläne) und Marias Polizeiarbeit macht den Reiz der Serie aus – ohne Kitsch.
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Themenresonanz: Erinnerung, Familiengeheimnisse und Gemeinschaftsrituale greifen sauber ineinander; das Fotoalbum ist ein starker Symbolträger.
Schwächen
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Viel Stoff, viele Nebenstränge: Einige Leserstimmen sehen zu viele „Baustellen“ – das kann die Kernspannung zeitweise verwässern.
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Serienbindung: Emotionale Nuancen (z. B. Beziehungs-Backstory) zünden stärker mit Vorwissen; als Stand-alone funktioniert der Roman, aber nicht optimal.
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Länge als Risiko: 576 Seiten bieten Tiefe, verlangen jedoch Geduld – wer komprimierte Plots liebt, wird nicht durchgehend glücklich.
Lohnender Sommer-Krimi mit eigenem Ton
„Spätsommertod“ ist kein Effektspektakel, sondern ein gemeinschaftszentrierter Küsten-Krimi mit glaubwürdigen Figuren, starker Atmosphäre und einem Fall, der Vergangenheit gegen Gegenwart reibt. Wer Ohlsson bereits liest, bekommt genau die Welt zurück, die die Reihe populär gemacht hat; Neulinge finden – mit etwas Geduld – einen zugänglichen Einstieg, der ohne finale Auflösungsspoiler hier bewusst offen bleibt. Empfehlung für Literaturblogs und die breite Leserschaft, die nordisches Setting plus emotionalen Realismus schätzt.
Über die Autorin: Kristina Ohlsson in Kürze
Kristina Ohlsson (*1979, Kristianstad) studierte Politikwissenschaft und arbeitete u. a. beim schwedischen Außenministerium, der Sicherheitspolizei sowie als Terrorismusexpertin bei der OSZE – Erfahrung, die ihre Krimis mitprägt. Ausgezeichnet wurde sie u. a. mit dem Stabilo-Preis (2010) und dem Crimetime Specsavers Award (2017, Kinderkrimi). Ihre Reihen: Fredrika Bergman, Martin Benner und August Strindberg.
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