Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und die Verlage trommeln bereits für die Neuerscheinungen des kommenden Frühjahrs. Wir haben uns die Programme etwas genauer angeschaut, und einige Bücher herausgepickt, die wir unseren LeserInnen nicht vorenthalten wollen. Den Anfang macht der Suhrkamp Verlag.
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Suhrkamp wartet mit großen Namen auf. Im Frühjahr 2023 erwarten uns unter anderem neue Roman von Clemens J. Setz und Paul Brodowsky. Ein fulminanter Aufschlag ist auch die Ankündigung des Romans "Glory" der simbabwischen Schriftstellerin NoViolet Bulawayo. Ein Buch, welches die britische Tageszeitung "The Guardian" als einen "unwiderstehlich heftigen Faustschlag aus Allegorie, Gesellschaftskritik und Fabel" rühmte. Bereits im Januar 2023 erwartet uns ein neues Buch der frischgebackenen Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux. Im März dürfen wir uns dann auf ein neues Werk der Philosophin Nancy Fraser freuen, die uns darin aufzeigt, "wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt". Wir stellen eine Auswahl von Neuerscheinungen vor. (Das gesamte Frühjahres-Programm des Suhrkamp Verlags finden Sie hier)
Clemens J. Setz - "Monde vor der Landung" (erscheint am 8. Februar 2023)
Clemens J. Setzt erzählt in seinem neuen Roman von dem ehemaligen Fliegerleutnant Peter Bender, der sich als Gründer einer neuen Religionsgemeinschaft versucht. Seine Theorie: Die Menschheit lebt nicht auf, sondern in einer Kugel. Bender wird aufgrund aufwieglerischer Flugschriften verhaftet. Dann erfolgt die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Als sich herumspricht, dass Benders Frau Jüdin ist, wenden sich auch die wenigen verbliebenen Gefolgsleute ab.
Verlagsankündigung
Worms, Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Peter Bender, ehemals Fliegerleutnant des Deutschen Heeres, macht sich als Gründer einer neuen Religionsgemeinschaft und mit der Proklamation der sogenannten Hohlwelt-Theorie einen Namen: Die Menschheit, so diese Theorie, lebe nicht auf, sondern in einer Kugel, außerhalb derselben existiere nichts. Benders Gemeinde bleibt überschaubar, dennoch wird er wegen der Verbreitung aufwieglerischer und gotteslästerlicher Flugschriften zu einer mehrmonatigen Kerkerhaft verurteilt. Als sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten herumspricht, dass seine Frau Jüdin ist, wenden sich selbst seine engsten Gefolgsleute von ihm ab. Die Benders verarmen, die Repressionen gegen seine Frau werden bald unerträglich, bis die Familie 1942 verhaftet und deportiert wird. Nur der Sohn überlebt das Konzentrationslager.
Paul Brodowsky - "Väter" (erscheint am 13. März 2023)
Paul Brodowsky erzählt in seinem kommenden Roman von einem Jahrhundert deutscher Geschichte. Aus Erinnerungen, Recherchen und Reflexionen setzt sich ein ganzheitliches Bild der BRD der Nachkriegszeit zusammen. Von den dreißiger Jahren bis in die Gegenwart hinein verfolgt er das Geschehen und Schweigen in den Familien. Eine schonungslose Selbstbefragung und Spurensuche, die die Prägungen der Väter und Großväter nachspürt.
Verlagsankündigung
Erst als der Sohn ihn danach fragt, spricht der Vater, Jahrgang 1933, von der NS-Zeit. Von der Nationalpolitischen Lehranstalt, der Napola, vom jüdischen Fellhändler am Markt und von seinem Onkel. Jenem Onkel Paul, nach dem der Sohn benannt ist und der NSDAP-Kreisgeschäftsführer war. Im Bundesarchiv findet der Sohn, als jüngstes von acht Kindern 1980 geboren, nur eine schmale Akte. Doch ihn lassen die Fragen nicht los: Wie setzen sich nationalsozialistische Prägungen auch in seiner Familie fort? Welche überkommenen Ideale, welche patriarchalen Vorstellungen haben sich in ihn eingeschrieben und gibt er vielleicht selbst weiter? In welchen Konflikten treten sie bis heute zutage? Er stellt fest, wie herausfordernd es ist, im Umgang mit den eigenen Kindern seine Rolle als progressiver Vater zu finden, zumal ihm klare Vorbilder dafür fehlen.
NoViolet Bulawayo - "Glory" (erscheint am 13. Februar 2023)
In ihrem Roman "Gl0ry" erzählt die simbabwischen Schriftstellerin NoViolet Bulawayo von einem Land, das von Repression, Hoffnung und Kämpfen geprägt ist. Eine Allegorie, die die Wünsche und Ängste unserer Gegenwart einfängt, von Gemeinschaft und Aufstand erzählt. Vor allem Eines können wir aus "Gl0ry" herauslesen: Der Kampf um die Freiheit ist immer mehr, als ein lauwarmes Interesse. Als "Wunderkind" wurde diese Autorin bezeichnet, deren "unverwechselbare Stimme" so einnimmt, dass sie "alle zur Verfügung stehenden Preise" verdient.
Verlagsankündigung
Jidada heißt das Land. Ein Land, bevölkert von vermenschlichten Tieren, beherrscht vom stärksten unter ihnen, seit mehr als vierzig Jahren. Einst brachte er die Unabhängigkeit auf den afrikanischen Kontinent, zerschlug die Fesseln der Geschichte, bloß um ihnen prompt andere anzulegen. Doch nun mehren sich die Zeichen, dass seine Kräfte schwinden. Wer ihn reden hört, wer das Alte Pferd in die Sonne blinzeln sieht, ihn und seinen ganzen verrotteten Apparat, der weiß: seine Tage sind gezählt. In Jidada kehrt jetzt Hoffnung ein, auf eine gerechte Zukunft, auf Wohlstand und Veränderung, endlich ein besseres Leben für uns alle! Aber das Regime wehrt sich mit Waffen härter als Träume, schärfer als Fantasie, tödlicher als blanke Lebensfreude, bis eine Heimkehrerin aus dem Exil alles verändert.
Annie Ernaux - "Der junge Mann" (erscheint am 16. Januar 2023)
Die Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux erzählt in "Der junge Mann" von einer skandalösen Liebesbeziehung. Sie ist Mitte fündig, er dreißig Jahre jünger. Wie gewohnt, geht das Buch über die persönliche Ebene der Zweisamkeit weit hinaus, und sich nach politischen Mustern. Radikal und pointiert berichtet Ernaux von den skandalösen Blicken in Bars und Restaurants. Am Ende ist es abermals eine Geschichte über den Körper, über das Vergehen und Gehen-Lassen.
Verlagsankündigung
Sie ist Mitte fünfzig und beginnt ein Verhältnis mit einem dreißig Jahre jüngeren Mann. Einem Studenten, noch dem Milieu verhaftet, aus dem sie sich emanzipiert zu haben glaubt. Er verlässt die gleichaltrige Freundin und liebt sie mit einer Leidenschaft wie keiner zuvor. Entrückte Tage und Nächte in seinem kargen Zimmer, Matratze auf dem Boden, löchrige Wände, defekter Kühlschrank. Doch die intime Episode ist zugleich etwas Politisches, auf der Straße, in den Restaurants und Bars: fast ständig böse Blicke, wütende Reaktionen. Sie ist wieder das »skandalöse Mädchen« ihrer Jugend, nun aber ganz ohne Scham, mit einem Gefühl der Befreiung. Irgendwann erträgt er ihre frühere Schönheit nicht mehr, und sie erlebt bloß noch Wiederholung, obwohl er »ihr Engel ist, der die Vergangenheit heraufbeschwört, sie ewig leben lässt«. Und was heißt das für die Zukunft?
Nancy Fraser - "Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt" (erscheint am 13. März 2023)
Das sich selbst zerstörende kapitalistische Wirtschaftssystem ist derzeit in aller Munde. In ihrem lang erwarteten neuen Buch zeigt die Philosophin und Feministin Nancy Fraser, wie sich der kapitalistische Allesfresser über Generationen und Epochen entwickelte. Anhand der sich ankündigen und bereits bestehenden Krisen zeigt sich, wie ein Sozialismus des 21. Jahrhunderts aussehen könnten, und wie wir es schaffen, gegenhegemonialen Allianzen zu schmieden.
Verlagsankündigung
Kapitalismus ist nicht nur ein Wirtschaftssystem, sondern eine Gesellschaftsform. Als solche ist er darauf angewiesen, sich auch nichtökonomische Ressourcen einzuverleiben und so langfristig seine eigenen Grundlagen zu zerstören. Wie der Ouroboros, die Schlange, die ihren eigenen Schwanz verspeist, verschlingt er natürliche Rohstoffe und unbezahlte Betreuungsarbeit. Er enteignet rassifizierte Gruppen und unterminiert die Macht demokratischer Institutionen, auf deren Funktionieren er eigentlich angewiesen ist. Damit erweist er sich als Motor hinter den diversen Krisenphänomenen, mit denen wir heute konfrontiert sind.
In ihrem lang erwarteten neuen Buch zeichnet Nancy Fraser die historische Entwicklung des kapitalistischen Allesfressers über mehrere Epochen hinweg nach. Indem sie den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Krisen analysiert, zeigt sie zugleich auf, wie ein Sozialismus für das 21. Jahrhundert aussehen könnte. Klimawandel, Rassismus, Pflegekrise und demokratische Regression als Symptome desselben Problems zu begreifen weist den Weg zu neuen und starken gegenhegemonialen Allianzen.
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