Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow erhält den mit 10.000 Euro dotierten Geschwister-Scholl-Preis für sein "Tagebuch einer Invasion". In der Begründung der Jury heißt es, Kurkows Buch sei "zugleich als eindringliche Chronik wie als kritische Reflexion einer politischen und zivilisatorischen Katastrophe zu lesen ..." Die Preisverleihung soll am 28. November 2022 stattfinden.
Der ukrainische Autor Andrej Kurkow erhält den Geschwister-Scholl-Preis für sein im Haymon Verlag erschienenes Buch "Tagebuch einer Invasion". Mit dem Preis werden Werke ausgezeichnet, die von geistiger Unabhängigkeit zeugen und bürgerliche Freiheit sowie moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut fördern. In der Begründung der Jury heißt es in diesem Jahr, Kurkows Buch sei zugleich als eindringliche Chronik wie als kritische Reflexion einer politischen und zivilisatorischen Katastrophe zu lesen ist. Es setzte bereits Monate vor dem russischen Angriff ein und lege in persönlichen Aufzeichnungen sowie längeren essayistischen Passagen ein bewegendes Zeugnis davon ab, was in der Ukraine geschehe.
"Nicht zuletzt im Nachdenken über die eigene Familiengeschichte führt Kurkow einem zudem die lange Unterdrückungsgeschichte der Ukraine vor Augen, die von zahlreichen Deportationen und Zwangsvertreibungen gekennzeichnet ist und dennoch eine nun bedrohte politische Tradition des Individualismus und der Liberalität hervorgebracht hat, die Freiheit höher bewertet als Sicherheit und ökonomische Stabilität." (Auszug aus der Begründung der Jury)
Ganz im Sinne der Geschwister Scholl
Das "Tagebuch einer Invasion" ist nicht der erste Bericht Kurkows, der die russische Aggression gegenüber der Ukraine schriftstellerisch begleitet. Bereits 2014, während der russischen Annexion der Halbinsel Krim, hatte der ukrainische Schriftsteller ein ähnliches Tagebuch geführt. In seinen Büchern, so die Jury weiter, beweise der Autor "ganz im Sinne des Vermächtnisses der Geschwister Scholl ein hohes Maß an intellektueller Unabhängigkeit und moralischem Verantwortungsbewusstsein im Kampf um ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung".
Die Geschwister Hans und Sophie Scholl hatten während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland studentische Widerstände organisiert. Bekannt wurden sie als Mitglieder der Münchner Vereinigung "Weiße Rose". Das Geschwisterpaar wurde am 18. Februar 1943 beim Auslegen von Flugblättern an der Münchner Universität überrascht und denunziert. Bereits am 22. Februar wurden sie zum Tode verurteilt und noch am selben Tag im Gefängnis München-Stadelheim mit der Guillotine enthauptet.
Andrej Kurkow
Andrej Kurkow wurde 1961 in Leningrad - heute St. Petersburg - geboren und lebte bis vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine in Kiew. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller und arbeitet für Radio und Fernsehen. Im deutschsprachigen Raum gehört Kurkow zu den beliebtesten ukrainischen Schriftstellern. Mit Büchern wie "Picknick auf dem Eis" (1999) und "Der Milchmann in der Nacht" (2009) wurde er einem größeren Publikum bekannt. Kurkows Romane erscheinen hierzulande im Diogenes Verlag. Im Julie dieses Jahre erschien ebendort der Kriminalroman "Samson und Nadjeschda".
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