Der Ritt nach Narnia von C. S. Lewis – Ein Abenteuer auf Sand, kein Schnee

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Wer Narnia sagt, denkt an Winter, Laternenpfahl, Löwenbrüllen. Der Ritt nach Narnia verschiebt die Kamera: weg vom verschneiten Wald, hinein in das südliche Reich Kalormen, wo Kuppeldächer glühen, Märkte lärmen und die Wüste nachts wie Metall klirrt. C. S. Lewis öffnet hier kein Portal im Kleiderschrank, sondern eine Straße – eine Fluchtlinie, die zwei Jugendliche, Shasta und Aravis, auf sprechenden Pferden in Richtung Freiheit reiten lässt. Dieser Band ist weniger „König-gegen-Hexe“ und mehr Road Novel im Gewand eines Märchens: Identität als Weg, Mut als Handlung, Freundschaft als Korrektiv.

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Der Ritt nach Narnia (Die Chroniken von Narnia, Bd. 3)

Handlung von Der Ritt nach Narnia – Flucht, Täuschung, Ankunft

Shasta, ein Jungenname ohne Herkunft, wächst an der Küste Kalormens bei einem Fischer auf, der eher Besitzer als Vater ist. Als ein tarkaan (ein Adliger) den Jungen kaufen will, erfährt Shasta zufällig, dass er nicht des Fischers Sohn ist. In derselben Nacht hört er ein Pferd sprechen – Bree, ein geflohenes Kriegsross aus Narnia, das heim will. Die beiden vereinbaren die Flucht: Norden, durch die Wüste, über Städten mit prachtvoller Etikette und harten Hierarchien.

Auf dem Weg kreuzt ihr Pfad mit Aravis, Tochter einer hochstehenden kalormischen Familie, die vor einer politisch praktischen, für sie aber übergriffigen Ehe flieht. Ihr Pferd Hwin – ebenfalls ein sprechendes Pferd aus dem Norden – trägt sie Richtung Freiheit. Was folgt, ist eine Reise voller Maskeraden (Stadtgewimmel in Tashbaan, Adelige zum Verwechseln ähnlich, Höfe, in denen man Wörter fetten muss, damit sie gelten) und kleine Überwältigungen: Der Moment, in dem man kapiert, dass Höflichkeit auch Waffe sein kann. Es gibt einen Hofintrigen-Plot, der eine Invasion gegen das Nachbarland Archenland und – über Bande – Narnia vorbereitet. Mehr Details zu benennen, hieße den Sog kaputtzuerklären; wichtig ist: Der Roman verschaltet persönliche Flucht mit politischer Gefahr.

Auf der letzten Etappe, die zur Prüfung wird, trennt sich die Reisegruppe, Berge wachsen wie Prüfungsfragen, und ein Löwe taucht auf – nicht immer dort, wo man ihn erwartet, und selten mit dem Effekt, den man sofort versteht. Shastas Herkunft wird aufgelöst; Identität ist nicht mehr Bauchgefühl, sondern Ausrichtung. Und ja: Es kommt zu jener Begegnung, die man ein „Heiligtum im Vorbeigehen“ nennen könnte. Das Ziel ist nicht nur ein Ort (Archenland, später Narnia), sondern eine Haltung: aus Angst Entscheidung machen.


Identität als Weg, Mut als Arbeit, Gnade als Überraschung

Wer bin ich, wenn mich niemand ruft?

Shasta beginnt ohne Namen im inneren Sinn. Lewis erzählt Identität als Bewegung: Man reitet sich frei, man hört und vergleicht, man wählt. Herkunft erklärt wenig; Entscheidung erklärt fast alles. Wenn im letzten Drittel die Wahrheit fällt, fühlt sie sich nicht wie „Schicksalspflicht“ an, sondern wie: Das passt, weil ich so gehandelt habe.

Freundschaft auf Augenhöhe – auch wenn einer vier Beine hat.

Bree und Hwin sind keine Haustiere, sondern Partner mit Stolz und Furcht. Bree, militärisch geprägt, muss Demut lernen; Hwin, leise und klug, erlaubt Aravis, weich zu sein, ohne schwach zu werden. Das Quartett funktioniert nur, wenn Eitelkeit und Sturheit gezähmt werden. Genau darin liegt die Wärme des Buches.

Mut ohne Trommelwirbel.

„Held“ sein heißt hier durchhalten: nachts weiterreiten, Durst aushalten, im falschen Hof die richtige Klappe halten. Shastas Mut ist das, was viele Leser aus dem Alltag kennen: die beharrliche Form. Aravis’ Mut ist klug organisiert: Maskerade, Taktik, Tempo. Zwei Varianten, beide glaubwürdig.

Gnade, die Handlungsformen hat.

Der Löwe greift ein – aber nie als Deus ex machina. Eingriffe sind pädagogisch, nicht bequem: Türen schließen rechtzeitig, Schrammen erzählen Wahrheit, Angst wird umgelenkt. Der Roman zeigt eine Welt, in der Hilfe nicht als Zucker vom Himmel fällt, sondern als gerichtete Erfahrung: Du wirst dorthin gestoßen, wo du ohnehin hinmusstest – nur etwas schneller.

Kultur, Etikette, Macht.

Kalormen ist prachtvoll, höfisch und hierarchisch; Sprache ist steil gebaute Treppe. Lewis zeichnet keine ethnografische Studie, sondern Machtarchitektur: Wie redet man, wenn jede Anrede ein Rangabzeichen ist? Wie entkommt man, wenn Höflichkeit Bindemittel und Fessel zugleich ist? Der Roman nimmt Kinder ernst: Er erklärt Systeme, ohne zu dozieren.

Orientbilder, Lesedistanz, heutiges Lesen

Der Ritt nach Narnia trägt den Duft seiner Entstehungszeit. Kalormen ist als „orientalisierendes“ Gegenreich gezeichnet: Basare, Paläste, ausladende Höflichkeit, eine Religion um den Gott Tash, die scharf und starr wirkt. Moderne Leser erkennen darin Orientalismus – die Tendenz, „den Osten“ exotisch und statisch zu inszenieren. Man kann und sollte das ansprechen. Gleichzeitig öffnet der Text Resonanzräume: Aravis widerspricht, Hwin entschärft, Archenlandzwischen den Welten wirkt wie eine Brücke. Wer mit Kindern liest, kann zwei Dinge parallel tun: Abenteuer genießen – und Bilder befragen. Warum wirken Höfe so? Was ist erfunden? Was ist fair? Gute Texte halten beides aus: Reise und Reflexion.

Reise-Tempo, klare Bilder, trockener Witz

Lewis erzählt schnell, ohne Hast. Die Sätze sind klar, die Bilder griffig: Nachtwüste, staubende Hufe, Torbögen, die schlucken. Dialoge tragen viel – besonders die spröde Zärtlichkeit zwischen den Pferden und ihren Reitern. Der Erzähler erlaubt sich Bühnenanweisungen an die Leserschaft, ein freundliches Zwinkern, das Kinder mitnimmt und Erwachsenen Luft zum Denken lässt. Und wenn es darauf ankommt, kann Lewis ernst – ohne zu beschweren.

Für wen eignet sich der Roman?

Für Leser ab 9/10 Jahren, die Abenteuer mögen, bei denen Kluge schneller sind als Starke. Für Vorlesestunden, die am Küchentisch enden – mit Gesprächen über Freiheit, Pflicht, Herkunft. Für Erwachsene, die in Narnia nicht nur Nostalgie suchen, sondern eine charakterbildende Reise. Wer ausschließlich die epische Schlacht will, ist im falschen Band; wer Reisen als Reifung mag, wird glücklich.

Kritische Einschätzung – Warum dieser Band mehr ist als „Sidequest“

Stärken

  • Eigenes Profil in der Reihe: Keine Wiederholung des Wintermärchens, sondern Straßenabenteuer mit politischer Flanke.

  • Figurenbalance: Shasta, Aravis, Bree, Hwin – vier Perspektiven, vier Lerneffekte.

  • Ethik in Aktion: Freiheit wird erarbeitet, nicht geschenkt; Hilfe kommt als Hinführung, nicht als Trick.

Reibungen

  • Orientbilder: Kalormen ist schabloniert; heutiges Lesen profitiert von Einordnung.

  • Episodenstruktur: Tashbaan, Wüste, Gebirge – die Stationen wirken für manche wie Etappen; der rote Faden liegt im Wachstum, nicht in Explosionen.

  • Löwenlogik: Wer Eingriffe „realistisch“ erwartet, stößt sich. Wer sie als poetische Notwendigkeit liest, versteht den Band.

Verfilmung – Noch kein eigener Film, aber beste Voraussetzungen

Eine eigene Verfilmung von „Der Ritt nach Narnia“ gibt es bisher nicht. Die Kinoreihe der 2000er adaptierte andere Bände; dieses Wüstenabenteuer blieb außen vor. Da Netflix an neuen Narnia-Projekten arbeitet, gilt gerade dieser Band vielen als filmisch reif: klare Route, starke Dialoge, zwei Pferdestimmen, die nicht comichaft sein dürfen, und ein Finale, das mehr Einsicht als Spektakel ist. Kurz: Weniger Schlacht, mehr Seelenspannung – genau das könnte im heutigen Fantasykino auffallen.

Über den Autor – C. S. Lewis in Kürze

Clive Staples Lewis (1898–1963), Literaturwissenschaftler in Oxford/Cambridge, schrieb neben Narnia Essays (Über den Schmerz), Glaubenstexte (Pardon, ich bin Christ), Science-Fiction (die Perelandra-Trilogie). Im Freundeskreis der Inklings (u. a. J. R. R. Tolkien) entwickelte er die Idee, dass Mythos Wahrheiten verkörpern kann, die nüchterne Rede verfehlt. Der Ritt nach Narnia ist eines seiner elegantesten Experimente: ein Buch, das leicht erzählt und tief wirkt.

Eine Straße, die Charakter baut

Der Ritt nach Narnia ist der Band, der aus Narnia mehr macht als Zauberwald und Wintermärchen: ein Reiseromanüber Herkunft und Wahl, mit Pferden, die mehr über uns wissen, als uns lieb ist. Lewis schreibt federleicht, aber er spart nicht mit Konsequenzen: Freiheit ist kein Geschenk, sondern Entscheidung in Etappen. Wer Narnia liebt, liest hier anders – und versteht danach auch die übrigen Bände tiefer.

Reihen-Überblick: Narnia in sinnvoller Lesereihenfolge

Viele deutschsprachige Ausgaben sortieren chronologisch nach Handlung. Wer beim Ursprung anfangen will, startet mit Das Wunder von Narnia. Wer Überraschungen des zweiten Bands schützen will, kann mit Der König von Narniabeginnen. Kurzüberblick:

  1. Das Wunder von Narnia – Schöpfung, Laternenpfahl, Ursprung des Kleiderschranks.

  2. Der König von Narnia – Ewiger Winter, Kinder in Narnia, Aslans große Entscheidung.

  3. Der Ritt nach Narnia – Reise südlich der Grenzen; Identität als Weg.

  4. Prinz Kaspian von Narnia – Rückkehr und Erneuerung; Narnia findet seine Stimme wieder.

  5. Die Reise auf der Morgenröte – Inseln, Prüfungen, Wandlung (Eustachius!).

  6. Der silberne Sessel – Unterwelt, alte Eide, neue Freundschaften.

  7. Der letzte Kampf – Falsche Zeichen, echte Treue, die letzte Tür.

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