Es war einmal ein alter zufriedener Mann. Er lebte am, vom und mit dem Meer.
Sein kleines Boot und sein schon so oft geflicktes Fischernetz waren seine treuen Begleiter. Auf dem Meer, da fühlte er sich wohl. Er war frei und sorgte sich nicht.
Das Meer war mehr Zuhause für Ihn, als es sein kleines Häuschen je sein konnte.
Er, das Boot und das Netz waren ein gutes Team. Sie fingen zusammen meistens mehr als genug, fast nie weniger als zu wenig.
Selten fing er ganz besonders viele große Fische. Früher wurde er dann übermütig,
prahlte und stolzierte wie ein Pfau.
Darauf fing er meistens ein paar Tage lang kaum etwas und die Demut holte Ihn wieder zurück auf den Boden.
Geduld hatte Ihm das Meer auch gelehrt. Wieviele Stunden musste er darauf warten, bis Ihm ein Fisch ins Netz ging. Oft erst, nachdem die Hoffnung schon gestorben war.
Langweilig wurde Ihm dabei aber nie.
Er lernte im Laufe der vielen Jahre die Natur zu lesen, das Wasser, die Wellen, die Wolken, die Tiere.
Er studierte den Wind. Er hatte sehr viel Zeit und beobachtete alles ganz genau.
An jedem Tag, zum Beispiel, klang das Meer anders.
Es sang, es rauschte, es gluckste, jauchzte und schluchzte und lachte, klagte und krachte.
Selbst wenn es absolut still war, war jede Stille doch einzigartig und besonders.
Der Geruch der Luft, der Geschmack und die Farbe des Wassers, alles änderte sich täglich.
Schon die feinsten Nuancen der Veränderung bemerkte er.
Für Außenstehende schien das alles gleich zu bleiben.
Aber nicht für Ihn. Er war sehr aufmerksam.
Immer und immer wieder aufs Neue verwandelten sich die Eindrücke, genussvoll analysierte er sie und sog sie in sich ein.
So verhielt es sich mit Allem.
In seinem Geist hallte das Echo all dessen nach, was er mit seinen Sinnen einfangen konnte.
Sehr selten, hörte er eine ganz helle und klare, eindeutig weibliche Stimme die mit Ihm sprach. Er antwortete Ihr einfach, als würde er mit einer alten Freundin sprechen.
Eine die Ihn besser kannte und verstand, als Irgendjemand sonst, besser sogar als er sich selbst.
Er war viel allein, vielleicht zu viel.
Mit der Zeit und dem zunehmenden Alter wurde das Fischen immer anstrengender und beschwerlicher.
„Wie schön es wäre, wie schön es sein könnte das tägliche Glück seiner Arbeit mit jemandem zu teilen“, stellte er sich vor.
Natürlich wollte er auch gerne sein Wissen und seine Erfahrungen weitergeben.
Einige Male kamen Interessierte mit Ihm zum Fischen.
Allerdings gefiel Ihm das überhaupt nicht.
Viele redeten Ihm zu viel.
Sie beobachteten nicht. Sie hörten nicht zu.
Weder Ihm, noch der Natur.
Lernen und verstehen braucht sehr viel Zeit.
Viele hatten den Wert der Stille noch nicht erkannt. Manchmal schien es sogar, als wäre Ihnen die Stille unangenehm, als würden Sie vor Ihr davon laufen.
Es war oft das gleiche Schauspiel.
Irgendwann hatte der alte Mann es aufgegeben.
Er wurde damit zufrieden, so wie es eben war.
Auf dem Wasser, da wollte der alte Mann nicht diskutieren, keine Musik hören, kein Handy tippen, nichts dergleichen.
Auf dem Wasser, auf seinem Boot, da wollte er einfach nur Sein.
Er, sein Boot, das Netz und das Meer.
Das war alles was er brauchte, das war alles was er wollte.
Ein paar Fische wollte er natürlich auch, klar.
Eines Tages da schlief er auf seinem Boot ein. Es war nicht so ein Halbschlaf, bei dem man mit einem Auge und einem Ohr eigentlich noch wach ist und aufpasst. Nein, dieses Mal versank er in einen langen tiefen Schlaf.
Das war Ihm noch nie passiert.
Er träumte von einer Insel voller Bäume, eingebettet in Nebelschwaden.
Es gab regenbogenfarbige Sandstrände und Muscheln aus purem Gold.
Er hatte es sich dort gemütlich eingerichtet, hatte alles was er zum Leben brauchte. Er lebte von Fisch und trank den Nebel. Von Zeit zu Zeit gönnte er sich eine goldene Muschel, sie waren sehr köstlich, saftig und süß…
Ein heftiger Stoss und ein lautes Krachen rissen Ihn heraus.
Er öffnete verwirrt die Augen und versuchte sich zu orientieren.
Schnell wurde Ihm bewusst, er war wohl eingeschlafen, offensichtlich von der Strömung abgetrieben worden und auf ein Riff aufgelaufen.
Das Boot hatte ein Leck, wenn auch nur ein kleines, aber es trat Wasser ein.
Der alte Mann wirkte auf einmal sehr zerbrechlich. Er versuchte die Ruhe zu bewahren, schätzte anhand des Sonnenstandes ab wie spät es in etwa war und ging im Geiste seine Optionen durch.
Der Strand war nah, er könnte hin schwimmen und nach Hause laufen.
Das Wasser hier war noch viel zu tief , aussteigen und sein Boot befreien stand nicht zur Debatte.
Ohnmacht überfiel Ihn, sein Boot, sein treuer Gefährte. Es fühlte sich an, als würde sein bester Freund im Sterben liegen. Verzweifelt versuchte er sich vorzustellen, wie es weitergehen könnte, was Ihm denn jetzt noch bliebe.
Ein Sturm könnte das Boot lösen und an Land spülen, aber was war bis dahin?
Er hatte gelernt auf Vieles zu verzichten, hatte sich sein Leben sehr einfach eingerichtet.
Keinen Fernseher, kein Schnick Schnack, er brauchte das alles nicht. Nur ein kleines Radio hatte er. So kam er sehr gut aus.
„Aber ohne mein Boot“, dachte er so bei sich, „ohne mein Boot kann Ich nicht“.
Er fing an, das erste Mal in seinem Erwachsenenleben, fing er bitterlich an zu weinen. Tränen liefen Ihm die Wangen hinunter. Nach einer Weile bis in die Mundwinkel hinein. Da leuchteten für einen kurzen Moment seine Augen wieder auf.
„Meer“, sagte er, „du bist auch in mir….das hatte ich vergessen“
„Hab Vertrauen“, sagte die Stimme, „schwimm an Land, geh nach Hause und vertraue darauf, dass sich alles wieder zum Besten fügt“.
Der alte Mann lauschte, überlegte und fasste sich ein Herz.
Er holte das Netz ein, rollte es zusammen und verstaute es so gut es ging im Boot. Die Fische, die es festhielt, löste er aus und schenkte Ihnen die Freiheit. Dann sprang er Ihnen hinterher und bahnte sich seinen Weg an den Strand. Erschöpft legte er seine Kleidung zum Trocknen aus und erholte sich ein wenig.
Ausgeruht nordete er sich ein und lief in die Richtung, in der er sein Zuhause vermutete.
Circa eine Stunde dauerte es, bis er genau wusste wo er war, noch zwei weitere musste er marschieren bevor er sein Haus erreicht hatte.
Vollkommen erledigt, entledigte er sich seiner Kleider und legte sich auf sein Bett. Augenblicklich schlief er ein.
Mitten in der Nacht weckte Ihn der Hunger erbarmungslos auf. So stand er auf, ging in die Küche, nahm sich ein Stück Brot und Käse, dazu ein Glas Wein.
Draußen vor der Haustür setze er sich hin. Es war dunkel, der Mond war gerade hinter den Wolken verschwunden, die Natur war friedlich und leise. Er stillte seinen Hunger, er stillte seinen Durst, bedankte sich dafür und wollte schon aufstehen, da hörte er wieder diese Stimme.
„Nimm Dir 7 Tage Zeit. Besuche Deine Schwester. Dann kehre wieder zurück und du wirst Dein Boot zurück bekommen“.
Der alte Mann rieb sich die Augen und die Stirn, wuschelte sich durch die Haare.
Er wusste gerade nicht so recht damit anzufangen, so kehrte er zurück ins Bett und
legte sich wieder aufs Ohr.
Am nächsten Morgen wachte er relativ spät für seine Verhältnisse auf.
Er lief mit seiner Zahnbürste vor zum Meer, badete sich, putzte sich seine Zähne und ließ sich von der Sonne abtrocknen.
Während er so überlegte wie es weitergehen könnte, fiel Ihm wieder ein was Ihm empfohlen wurde. Er dachte kurz darüber nach, wann er seine Schwester zuletzt gesehen hatte, das war schon einige Jahre her. Es dauerte, die Erinnerungen daran zurück ins Leben zu rufen. Überraschenderweise lösten diese in Ihm ein warmes lichtvolles Gefühl aus, ein Anflug von Wiedersehensfreude.
Es war entschieden. Sein Rucksack war schnell mit dem nötigsten gepackt, dazu ein paar getrocknete Fische und die schönsten Muscheln als Geschenke eingewickelt.
Mit der Aufschrift „ Bin in 7 Tagen wieder zurück“ hinterließ er eine Nachricht am Haus.
Oft kamen die Nachbarn, oder Leute aus dem Dorf, die auf einen guten Fisch für kleines Geld hofften. Seltener, aber umso willkommener statteten Ihm alte Freunde einen Besuch ab.
Sie würden sich Sorgen machen, falls er samt Boot einfach so fehlte.
Er schloss ab und nahm den nächsten Bus in die Stadt.
Mehr als 3 Stunden dauerte die Fahrt.
Am Haus seiner Schwester klingelte er und wartete„Vielleicht hätte Ich doch erst anrufen sollen“ermahnte er sich…er klingelte noch einmal. Als die Tür aufging, blickte er in wunderschöne strahlende Augen.
Ihre Lippen verzogen sich zu einem zauberhaften Lächeln. Sie öffnete Ihre Arme, sagte „Hallo mein Lieber“! Wie schön Dich zu sehen, wie kommt’s?“
Er erwiderte Ihre Begrüßung und presste Sie fest und herzlich an seine Brust.
„Komm„ sagte sie, „Ich mach uns einen Kaffee. Ich habe auch frischen Kuchen, magst Du ein Stück?“ „Ja gerne“, antwortete der alte Mann und begann zu erzählen.
Der Abend verging, die Nacht brach herein, glücklich und zufrieden gingen Sie zu Bett.
Die Musik des Windes wiegte Sie in den Schlaf.
Die darauffolgenden Tage verbrachten sie meist mit Gesprächen und Spazierengehen. Sie bummelten gemeinsam durch die Strassen der Stadt, aßen hier zu Mittag, dort zu Abend, besuchten alte Bekannte und tauschten Neuigkeiten aus.
Abends setzten sie sich dann gemeinsam hinters Haus in den Garten.
Hörten schweigend dem rauschenden Meer der Bäume zu, den Grillen und den Fröschen.
Ja, die beiden konnten die Stille auch gemeinsam genießen.
Das war schon immer so gewesen.
Das liebte er so an Ihr.
Die Zeit verflog, der siebente Tag brach an und der Abschied fiel Ihnen sichtlich schwer. Sie kämpfte mit den Tränen.
Sie waren beide alleine, hatten schon lange keine Eltern mehr, keine Partner und auch keine eigenen Kinder. Sie hatten nur sich.
Gegenseitig bedankten sie sich, umarmten und küssten sich.
Der alte Mann machte sich auf den Weg.
Sie, blieb an der Türschwelle stehen und blickte Ihm noch lange hinterher.
Vielleicht hoffte sie, er würde sich noch einmal umdrehen, sich umentscheiden,
doch noch ein Weilchen länger bleiben.
Der Bus kam, er stieg ein, sie fuhren ab.
Weg war er.
Als der alte Mann zu Hause seine Tür aufschloss und hineintrat, kam die Erinnerung und die Sorge um sein Boot zurück. Aufgewühlt legte er seinen Rucksack ab, zog sich um, trank einen Schluck Wasser und lief erst einmal vor zum Steg um das Meer zu begrüßen.
Dort atmete er ein paar Mal tief ein und aus, sah sich um und da ging es Ihm gleich schon viel besser.
Er entdeckte dort, zu seiner Überraschung, sein Boot fest vertäut mit einer Nachricht:
„Wir haben Dein Boot gefunden, wahrscheinlich hat es der Sturm vor ein paar Tagen losgerissen. Da Du fort warst haben wir es Dir zurückgebracht und noch ein bißchen repariert, damit Du gleich wieder zu Deiner Geliebten :) rausfahren kannst wenn Du zurück bist. Außerdem haben wir das Netz ein bißchen geflickt, die Kinder waren gerade zu Besuch, es war Ihnen langweilig und das hat Ihnen viel Spaß gemacht.
Es grüßen Dich Deine Nachbarn“
Zu Tränen gerührt stand er da, der alte Mann, bewegungslos, vor Freude tanzend.
Er sah sich das Boot von allen Seiten genau an, fuhr mit seiner Hand sanft über die ausgebesserten Stellen, streichelte es zärtlich.
Er löste das Tau, nahm das Netz, stieg ein und fuhr hinaus.
„Danke dass Du mir vertraut hast“, hörte er sie leise summen, diese Stimme.
Der alte Mann, voller Freude, Liebe und Dankbarkeit, warf sein Netz aus.
Lauschte dem Wasser, lauschte den Vögeln,
wartete ein paar Stunden, holte sein Netz wieder ein, löste den Fang aus, fuhr zurück an Land, befestigte das Boot, zündete ein kleines Feuer an, nahm die Fische aus und kochte sich eine schöne warme Suppe.
Er setzte sich vor sein Häuschen auf die Bank, aß und trank einen guten Schluck Wein.
Ein vollkommener Augenblick des Glücks und der Zufriedenheit erfüllte Ihn.