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Das Erste Anne Berest mit "Die Postkarte" bei "ttt - titel, thesen, temperamente"

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In der kommenden Ausgabe "ttt - titel, thesen, temperamente" (Sonntag, 4. Juli) geht es unter anderem um das autobiografische Buch "Die Postkarte" der französischen Schriftstellerin Anna Berest. Außerdem wird es Einblicke in die Memoiren der Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin Ute Lemper geben.

In der kommenden Ausgabe "ttt - titel, thesen, temperamente": Die Übersetzung von Anne Berest autofiktionalem Roman: "Die Postkarte" Bild: WDR/Linda Meiers

Mit ihrem autobiografischen Buch "Die Postkarte" eroberte die Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Anne Berest die im Herbst 2021 die französischen Bestsellerlisten. Beim Berliner Verlag liegt der Roman jetzt auch in deutscher Übersetzung vor. Ausgehend von einer Postkarte, die die Familie Berest im Januar 2003 erreichte, begibt sich die Autorin darin auf eine familiäre Spurensuche. Entstanden ist dabei die Geschichte der Familie Rabinovitch, der Vorfahren von Berest´s Mutter, die, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie als Juden sicher und ohne Angst leben können, über viele Umwege von Russland nach Frankreich gekommen sind.

"Frankreich war für uns Juden das Land des Lichts, das Land der Französischen Revolution. Der einzige Ort, wo die Juden wie gleichberechtigte Staatsbürger betrachtet wurden. Mein Urgroßvater Ephraïm träumte von Frankreich. Ein altes jüdisches Sprichwort sagt 'glücklich wie ein Jude in Frankreich'. Ephraïm hätte sich niemals vorstellen können, dass der französische Staat ihn in den Tod schicken würde." Doch genau das geschieht. Ephraïm, Emma sowie ihre beiden Kinder Noémie und Jacques, deren Namen untereinander gelistet auf der titelgebenden Postkarte standen, werden deportiert und sterben 1942 in Auschwitz. Nur die älteste Tochter Myriam, Anne Berests Großmutter, kann fliehen und überlebt.

"In der Schule sagen sie, dass man dort keine Juden mag."

Nachdem sie die Postkarte und die an diese hängende Familiengeschichte viele Jahre lang unberührt lies, führte ein Gespräch zwischen ihrer Tochter und Großmutter dazu, dass sich Berest auf die im Roman nachzuvollziehende Spurensuche begab. "Meine Tochter fragte ihre Großmutter, was es bedeutet, jüdisch zu sein. Die Großmutter fragte: 'Warum schaust du so verärgert?' Und meine Tochter antwortete: 'In der Schule sagen sie, dass man dort keine Juden mag.' Damals war meine Tochter sieben Jahre alt. Ich selbst war wie gelähmt. Unfähig, das Problem zu lösen. Es hat mir Angst gemacht. Stattdessen habe ich an die Postkarte gedacht, nachdem ich sie 15 Jahre lang vergessen hatte. Und habe beschlossen, das Rätsel der Postkarte zu lösen."

"Die Postkarte" verknüpft individuelle Erfahrungen mit einer kollektiven Geschichte. "Das Buch erzählt von Migration. Und davon, was es bedeutet, seine Heimat zu verlassen und sich eine neue Heimat zu suchen. Und wie sich das auf die nachfolgenden Generationen auswirkt. Dieses Buch ist im Grunde eine Erzählung der dritten Generation, zu der ich ja gehöre." Gerade vor dem Hintergrund des gegenwärtig wieder erstarkenden Antisemitismus, beleuchtet Berest mit ihrem autofiktionalen Roman Themen, die in Frankreich viele Jahre lang unangetastet blieben. So geht es beispielsweise um die Kooperation des Vichy-Regimes mit den deutschen Besatzern. "Unsere Rolle ist es, über die Verantwortung der französischen Polizei und des Staates zu sprechen und die Geschichte nicht zu verfälschen." Man höre heute antisemitische Äußerungen, die zuvor nicht so artikuliert wurden, so die Autorin. "Das ist Grund zur Sorge. Wir müssen aufpassen, denn die Welt ist insgesamt fragiler geworden. Es ist wichtig, dass wir alle untereinander Solidarität üben."

Außerdem bei "ttt - titel, thesen, temperamente"

  • An der Front: Maxim Dondyuk ist Fotokünstler, kein Kriegsfotograf. Doch die Ereignisse haben ihn zum Kriegsfotografen gemacht. Seit Beginn der russischen Invasion dokumentiert er die Kämpfe in seinem geschundenen Land. ttt hat ihn getroffen.
  • Klima, Kohle, Kolonialismus: Bauen ist ein Klimakiller. Was können wir besser machen? Darüber diskutiert die Architekturbiennale. Im Fokus steht Afrika. Es geht um Dekolonisieren und Dekarbonisieren und darum, was der Globale Norden vom Globalen Süden lernen kann.
  • Freiheitskämpferin oder Terroristin: Marcel Mettelsiefen zeichnet in seinem Dokumentarfilm das packende Porträt der Niederländerin Tanja Nijmeijer, die sich als junge Frau der kolumbischen Guerilla-Armee FARC anschloss. Der Film kommt am 15. Juni in die Kinos.
  • Lebensstation eines Weltstars: Sie ist einer der wenigen deutschen Weltstars: die in Münster geborene und in New York lebende Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin Ute Lemper. Im Juli wird sie 60. Jetzt hat sie ihre Autobiografie "Die Zeitreisende" geschrieben.




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