Irene Vallejos "Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern" Der Siegeszug des geschriebenen Wortes

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Die Entstehungsgeschichte des Buches ist stets ein Kampf gegen die Zeit gewesen, schreibt die spanische Autorin und Philologin Irene Vallejo in ihrem aktuellen Werk "Papyrus". 5000 Jahre Kulturgeschichte verdichtet die Autorin darin auf knapp 750 Seiten. Ein großartiges Erlebnis. Bild: Diogenes

Die spanische Autorin und Altphilologin Irene Vallejo wird in diesem Jahr eine Festrede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse halten. Welch einen gewaltigen und spektakulären Weg das Medium Buch bis zum Punkt einer Bücherschau bereits zurückgelegt hat, beschreibt Vallejo in ihrem Buch "Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern". Darin zeigt sie die Anfänge und Irrwege des geschriebenes Wortes, den Beginn einer Magie, die sich bis heute in keiner anderen Form ausdrücken lässt.

Die Geschichte des Buches ist zweifellos eine brisante Erfolgsgeschichte, wenn auch eine mit Umwegen und Abzweigungen. Die Autorin und Altphilologin Irene Vallejo zeigt in ihrem Buch "Papyrus" auf spannende Weise, wie eng diese Entwicklungsgeschichte an die erste Globalisierung in der Antike geknüpft ist, und dass die Verbreitung des geschriebenen Wortes auch mit Eroberungs- und Kriegslust zusammenfällt. Anekdotenhaft und fesselnd erzählt Vallejo die Geschichte des Buches unter Berücksichtigung der entsprechenden historischen Entwicklungen. "Papyrus" ist ein großartiges Wagnis: 3000 Jahre Buchgeschichte auf knapp 750 Seiten. Am Ende gelingen der Autorin waghalsige Sprünge, aufschlussreiche Kapitel und verblüffende Geschichten.

Homer und Alexander der Grosse: Der Eroberer mit der Geschichte einer Eroberung

Die Reise beginnt im fernen Alexandria (Ägypten) im dritten Jahrhundert vor Christus. Von dort aus geht es, immer die Schrift vor Augen, quer durch die Geschichte. Dabei begegnet uns der geschriebene Text und sein Trägermedium in den unterschiedlichen Entstehungs- und Entwicklungsformen. Von der Papyrus-Rolle über die Schiefertafel bis hin zum Papier. Diese Fortschritte und Äquivalente bindet Vallejo in die entsprechenden historischen Kontexte ein. Spannende, zum Teil erschreckende und unerhörte Anekdoten unterfüttern den geschichtlichen Exkurs.

So die Passagen über Alexander den Grossen, der, nachdem er in nur wenigen Jahren den Nahen Osten, Persien und Ägypten erobert hatte, bereits im Alter von 33 Jahren starb. In seiner Hand, erfahren wir, hielt der Sterbende jedoch nicht etwa Speer oder Schwert, sondern Homers "Ilias" (als Papyrus-Rolle) die er sein Leben lang bei sich trug. Als Eroberer trug Alexander der Grosse so also Homers Geschichte von der Eroberung Trojas in die Welt. Der König träumte von einer eigenen Bibliothek im damals noch kleinen Alexandria, eine allumfassende, alle Bücher der Welt versammelnde Ordnung. Ein Traum, den Alexanders Freund und späterer Nachfolger Ptolemaios tatsächlich wahr werden lies.

Das Überleben der Worte

Die Entwicklungsgeschichte des Buches, macht Vallejo klar, ist stets ein Kampf gegen die Zeit gewesen. Ganz gleich welche Materialien zur Fortentwicklung des Trägermediums verwendet wurden - Stein, Ton, Schilf, Leder oder Holz - immer ging es darum, "greifbare praktische Aspekte des Trägermediums zu verbessern: Haltbarkeit, Preis, Widerstandsfähigkeit und Gewicht. Jeder Fortschritt, so klein er auch sein mochte, steigerte die Hoffnung auf ein Überleben der Worte".

Wie aber sieht es heute mit der Lebendig des geschriebenen Wortes aus? Auch hierzu bezieht die Autorin klar Stellung. Unsere heutige Gesellschaften, so Vallejo, vernichten jährlich so viel geschriebenes Wort, wie die Inquisition und die Nazis zusammen. Allein in Spanien werden jedes Jahr Millionen von gedruckten aber unverkauften Exemplaren eliminiert. Ein etwas düsterer Ausgang einer Reise, die abenteuerlich über die Schlachtfelder Alexander des Großen führte, die Paläste Kleopatras ausleuchte und uns mit den unterirdischen Labyrinthen des heutigen Oxford vertraut machte.

Irene Vallejos "Papyrus" zeigt auf fesselnde Weise, wie eng das geschriebene Wort an historische Ereignisse gekoppelt ist. Wer dazu noch wissen möchte, warum nicht Homer, sondern eine Frau der/die erste Schriftsteller/in war; wann und wer die erste Liebeslyrik schrieb, und warum das Aufsagen von Versen des griechischen Dramatikers Euripides Sklaven das Leben rettete, der kommt an diesem Buch nicht vorbei.


Irene Vallejos - "Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern" / Diogenes Verlag / 2022 / 752 Seiten / 28 Euro

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