Verlieren und Finden

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Ich habe mich selbst schon so oft gesucht, so oft verloren, so oft gefunden, um dann wieder von vorne zu beginnen. Als Kind ist einer meiner größten Verluste mein schwarzes Portemonnaie. Ich erinnere mich an eine Telefonzelle von der aus ich bei der “Nummer gegen Kummer” anrufe. Immer wieder. Es ist wie ein Spiel, weil die Nummer kostenlos ist. Ich rufe an und erzähle eine tragische Geschichte. Ich denke sie mir aus, weil ich glaube, dass meine eigene nicht kummervoll genug ist. Ich rufe sicherheitshalber von Telefonzellen aus an, damit ich zuhause keine Spuren hinterlasse. Mein Portemonnaie liegt auf der Ablage für die Telefonbücher in der Zelle. Warum ich es dorthin lege, weiß ich nun nicht mehr. Warum ich es dort liegen lasse auch nicht. Aber ich weiß genau, was danach passiert: Immer, wenn ich etwas verliere, sind meine Eltern sauer. Ich dürfe nicht unaufmerksam sein, heißt es dann. Dinge zu verlieren wie einen Handschuh, einen Schlüssel oder eine Geldbörse bedeutet nämlich, dass ich diese Gegenstände nicht genug schätze. Das ist etwas Schreckliches. Ich muss doch wertschätzen, was mir gegeben wird!

Inzwischen kann ich nicht mehr sagen, ob es sich vielleicht damals schon abgezeichnet hat, dass mir an Materiellem nicht so viel liegt. Vielleicht hatten meine Eltern einfach recht: Es war mir nicht wichtig genug. Ich habe es nicht genug geschätzt. Gleichzeitig bin ich als Kind immer wieder frustriert, weil ich merke, wie schlimm es für meine Eltern ist, dass ich unaufmerksam bin. Obwohl ich doch mit aller Kraft versuche, eine perfekte Tochter zu sein. Ich gebe mir die größte Mühe, sie nicht zu enttäuschen. Habe alle hundert Regeln auswendig gelernt. Von „Hände auf den Tisch beim Essen“ über „Vergiss’ deine gute Erziehung nicht“ bis „Hör auf zu heulen!“. Ich achte mit den Jahren immer mehr darauf, alle Regeln zu befolgen und natürlich auch, keine Dinge mehr zu verlieren.

Stattdessen verliere ich mich selbst. Ich verliere mich als Jugendliche in der Traurigkeit, tief unten in einem Loch, aus dem ich kaum noch herauskomme. Ich verliere mich in meinen Studien- und Berufsjahren im Ehrgeiz, bis meine Nerven blank liegen und ich mich fühle, als würde ich nach einer riesigen Raserei erschöpft am Boden liegen. Ich verliere mich siebzehn Jahre lang im Alkohol, bis ich nicht mehr weiß wo ich bin, was ich tue und wie ich wieder nach Hause kommen soll. Nach all diesen Verlusten meiner Selbst bin ich ein Häufchen Elend. Immer wieder. Jedes einzelne Mal. Selbsthass, Scham und Schuld sind alles, was ich dann noch von mir finden kann. Und trotzdem schaffe ich es, mich aufzuraffen und neu auf die Suche zu gehen. Immer wieder. Jedes einzelne Mal. Es ist meine ganz persönliche Reise, meine individuelle Suche. Ich möchte herausfinden wer ich bin, wenn ich mich nicht verliere.


Zur Website von Hanni Roman



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