Von der Freiheit befreit "Metaverse" - Was ist das? Wie funktioniert es? Wann kommt es? Wer wollte das eigentlich?

Was genau ist gemeint, wenn von "Metaverse" die Rede ist? Vereinzelt hört man von einer dreidimensionalen, mit Avataren bevölkerten, virtuellen Welt, wie sie vor allem Kinder aus Computerspielen kennen; eine Welt, die unsere gegenwärtige Realität erweitern, wenn nicht sogar ablösen soll. Um etwas steriles Licht in diesen - uns nicht zufällig recht dunkel erscheinenden - Komplex zu bringen, sind Ende vergangenen Jahres einige Bücher erschienen, die sich der neuen Technologie widmeten. Eines davon trägt den Titel "Metaverse" und den hochpoetischen Untertitel "Was es ist, wie es funktioniert, wann es kommt". Geschrieben haben es die Autoren Andreas Dripke, Marc Ruberg und Detlef Schmuck, die recht begeistert zu sein scheinen von der Idee, das Individuum endlich vom Zwang der Freiheit befreien.

In ihrem Buch "Metaverse" schreiben die Autoren Andreas Dripke, Marc Ruberg und Detlef Schmuck von einer Technologie, die eine allumfassende Veränderung unserer Realität mit sich bringt. Warum kommt sie? Wer danach gefragt? Muss das sein? Bild: Pixabay (Symbolbild)

Es sind große emphatische Worte, die hier geschwungen werden. Metaverse, das sei eine Revolution, "die bedeutender sein wird als der Buchdruck und das Internet zusammen", schreiben die Autoren Andreas Dripke, Marc Ruberg und Detlef Schmuck. Schritt für Schritt führen sie das Konzept einer virtuellen, vernetzten Welt vor Augen, nach der niemand gefragt hat und in der höchstwahrscheinlich dennoch jeder leben werden will (oder muss). Neben ersten technischen Einschätzungen prognostizieren sei einen Billionenmarkt. Na dann mal rein ins Vergnügen. Ich will endlich mit meiner Tapete sprechen...

Mitautor Marc Ruhberg, der hauptberuflich für das Hochschulnetz des Landes Baden-Würtenberg zuständig ist, erklärt: "Das Metaverse mag heute noch schwer vorstellbar sein. Aber, Hand aufs Herz, wer hätte sich das Internet zehn Jahre, bevor es sich durchgesetzt hat, vorstellen können?" Sicher liege die Vollendung des Metaverse noch weit in der Zukunft. Die Entwicklung aber, beginne jetzt. Also los!, rein in die verklemmte Bequemlichkeit.

Ruhberg gilt neben Michael Birkenbihl, Klaus Landefeld, Prof. Michael Rotert und Harald A. Summa als einer der Internetpioniere in Deutschland. Auch im Falle des Internets, führt er zu seinem Buch aus, sei lange Zeit unklar gewesen, aus welchen Komponenten es bestehen würde. Wem wird es gehören? Wer wird es regulieren? Was wird damit anzufangen sein? Auch wenn diese Fragen heute kein Stück leichter zu beantworten sind, können wir doch die These wagen, dass das Internet weniger frei als unfrei gemacht hat; dass es - privat wie gesellschaftlich - eher entzweit als zusammenbringt, dass es als ein Instrument der Segregation bewusst eingesetzt wird. Wir können sagen, dass die Möglichkeit, immer und überall kommunizieren zu können, nicht per se etwas Gutes ist. Das Internet bildet Alternativen; aber es bildet nicht. Es bildet Ungerechtigkeit ab und macht auf Missstände aufmerksam, aber es bildet auch vernetzte Banden, die das Kapitol stürmen. Das Internet ist nicht gut, es ist nützlich. Es fördert Präzision und Verwirrung. Es hat die Verlassenheit in einen Rahmen der Gemeinschaft gepresst, gemeinsame Verlassene auferstehen lassen, die die Gemeinschaft verlassen. Es kann töten lassen.

Bei all diesen mit dem Internet einhergehenden Verzerrungen und Ambiguitäten wirkt es umso befremdlicher, ja weltfremd, wenn die "Metaverse" Autoren voller Begeisterung in eine Zukunft schauen, die jene bestehenden Widersprüche anfeuern werden. Ja, man muss Ruhberg Recht geben: Das Internet ist heute allgegenwärtig. Ja, die meisten von uns können sich ein Leben ohne kaum mehr vorstellen. Anstatt aber über die darin liegenden Probleme nachzudenken, schreiten die Autoren weiter voran. Ruhberg: "Es ist heute noch schwer auszumachen, was es genau sein wird, wer die Mitspieler sein werden, wie es von Nutzen sein kann, welche Gefahren es birgt, wohin die Reise genau geht. Doch es deutet vieles darauf hin, dass das Metaverse die nächste digitale Revolution sein wird, die unseren Alltag, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft künftig ebenso stark prägen wird wie heute das Internet."

Mehr als nur eine dreidimensionale Welt

Was aber genau ist unter "Metaverse" zu verstehen? Der landläufigen Meinung, es handle sich dabei lediglich um eine dreidimensionale, mit Avataren bevölkerte Welt, wird in dem Buch widersprochen. Auch solle man sich davor hüten, das neue Konzept vorschnell ins Lächerliche zu ziehen, nur weil es aus dem Gamingsektor erwächst. Es stimme zwar, sagt Ruhberg, dass die derzeit beliebteste Metaverse-Plattform ein Computerspiel ist, welches sich vor allem bei Kindern einer großen Beliebtheit erfreut. Dies sei allerdings nur einer neben vielen weiteren Aspekten. Zu Metaverse gehöre auch "das mobile Internet, soziale Netzwerke, virtuelle Realitäten, Kryptotechnologien, Künstliche Intelligenz, digitale Identitäten, das Internet der Dinge und das Zusammenwachsen von Menschen und Maschinen."

Wie wird sich unsere Welt zukünftig verändern?

"Metaverse: Was es ist, wie es funktioniert, wann es kommt" will im Kern zeigen, wie sich unsere digitale Welt in den nächsten zehn Jahren verändern wird. Dabei wird nicht nur unser digitaler Alltag in den Blick genommen, sondern auch das "Big Business". Recherchen der Autoren zufolge, wurden im vergangenen Jahr erstmals über 100 Millionen Dollar für die Erschaffen von virtuellem Land im Metaverse ausgegeben. Eine der Schlüsseltechnologien dabei seien die Non-Fungible Tokens (NFT), "ein fälschungssicheres Zertifikat, das auf einer Blockchain hinterlegt wird. Es ist ein eindeutiges Merkmal in der digitalen Welt, vergleichbar der DNA in der physikalischen Welt, und gleichzeitig so vertrauenswürdig wie ein Notar."

Welche Gefahren schlummern in neuen Technologien?

Die Gefahren, die mit der Einführung einer solch um- und eingreifenden Technologien verbunden sein könnten, werden im Buch nur kurz angerissen. Hierbei bezieht man sich allerdings lediglich auf Cyberangriffe - von denen es immerhin mehr als eine Milliarde im Jahr 2021 gab -, und bleibt somit im technischen Bereich. Existenzielle oder gar philosophische Fragen werden nicht gestellt. Auch scheint man, bei aller Begeisterung, die Konsequenzen eines gezogenen Steckers, eines Problems mit der Stromversorgung oder gar Stromerzeugung zu übersehen. Und selbstverständlich bleibt auch die Gretchenfrage "Wer will das überhaupt" außen vor. Hier schlägt die gute alte neue Silicon Valley-Logik "Die Leute werden es wollen, weil wir es gemacht haben." voll und ganz durch. Eine Logik, die das Individuum ohne Selbstbewusstsein und Entscheidungsfreiheit denkt; eine Logik, die das Individuum vom Zwang der Freiheit befreien will.


Andreas Dripke, Marc Ruberg, Detlef Schmuck: "Metaverse - Was es ist, wie es funktioniert, wann es kommt", DC Publishing, 2021, 256 Seiten, 17,99 Euro


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