Auf der Plattform "Woobooks" können angehende AutorInnen ihre Buchprojekte vorstellen, bevor diese abgeschlossen wurden. Allein der Zuspruch von Seiten der LeserInnen entscheidet anschließend darüber, ob das Projekt weiter verfolgt und das Manuskript fertiggestellt wird. Ein Verfahren, welches nicht nur die Literaturkritik überflüssig macht, sondern auch den Streit um die Frage, ob ein Kunstwerk dezidiert für ein Publikum geschaffen werden sollte, neu befeuert.
Nur schreiben, was irgendwie gefällt. Was nirgends anstößt und mit Sicherheit ein - wenn auch nur klitzekleiner - Erfolg werden wird. Auf Zustimmung treffen, auf ein versöhnliches Lächeln. Auf Nummer sicher gehen. Nichts wagen, nichts aufbrechen, kein Umbruch, keine Lust: Spätestens wenn das Konzept "Woodbooks" ein größerer Erfolg werden sollte, müssten wir uns noch einmal über den Begriff Trivialliteratur - im tatsächlich abwertenden Sinne - Gedanken machen. Auch sollten wir, im Namen all jener AutorInnen, die zunächst schreiben und erst später Gewinne und Verluste berechnen, in Erwägung ziehen, bereits künstlerische Produktionsprozesse und nicht nur deren Ergebnis voneinander zu unterscheiden. Ja, sollte sich das Konzept "Woobooks" durchsetzen, müssten wir grundsätzlich über die Idee eines literarischen Erzeugnisses sprechen; darüber, was zu einem Satz führt, führen muss. Und ob genügt, zu sagen: "Ich hätte gern, dass Leute das lesen".
Gedruckt wird nur, was ankommt
Bei "Woobooks" können AutorInnen (und/oder Verlage) noch unabgeschlossene Manuskripte einreichen, um Leserinnen und Leser anschließend darüber entscheiden zu lassen, ob aus den Leseproben gedruckte Bücher werden sollen. Vollendet wird nur, was ankommt und dementsprechend unterstützt wird.
Der Initiator des "Woobooks"-Konzepts, Markus Stromiedel, erklärt in einem kürzlich im Börsenblatt erschienenen Artikel: "Mit Woobooks helfen wir Autorinnen und Autoren, Texte zu veröffentlichen, die es bei klassischen Verlagen schwer haben." Als "Anstoß" nennt Stromiedel das Manuskript eines Debütromans, welches zwar große Begeisterung bei dem Lektorat eines großen Publikumsverlages hervorgerufen hatte, aber dennoch nicht angenommen wurde: "... die Lobeshymne war eine Absage mit der Begründung, dass sie nicht wüssten, wie sie einen solchen Genremix an ihre Kunden, die Buchhändlerinnen und Buchhändler, verkaufen sollen."
Nun, welch ein Publikum muss das sein, das nicht mehr in der Lage ist, genreübergreifende Literatur lesen beziehungsweise verstehen zu können? Welch ein Verlag lehnt ein eigentlich durch und durch überzeugendes Manuskript aus rein merkantilen Gründen ab? Und wie wenig Gehalt muss das besagte Projekt dann letztlich doch gehabt haben, wenn ein solcher Grund für eine Absage genügt?
Das Manuskript, um welches es hier ging, stammt aus der Feder von Thorsten Smidt. Das mittlerweile veröffentlichte Buch trägt den Titel "Vier Nullen zu viel", und ist das erste "Woobook" gewesen.
Die Literatur und der Buchmarkt
Angesichts einer solch kundenorientierten Ausrichtung des Schreibens, darf man zu Recht die Frage stellen, wie weit der Buchmark mittlerweile in die Literatur vorgedrungen ist. Droht hier dasselbe Schicksal, welches der Kunst widerfuhr, die in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker zu einem Kunstmarkt verkommen ist, zu einem Tableau der wilden Spekulation und selbstsüchtigen Auftritte, zu einem Moloch, welches, von Individualismus und Authentizität übersättigt, nur mit Glück am Rande noch interessante - dann allerdings tatsächlich authentische - Positionen gewähren lässt?
Ohne Frage spielten Vermarktung und Verkauf sowohl für AutorInnen als auch für Verlage stets eine gewichtige Rolle in der Literatur. Natürlich wollte und will man schreibend Geld verdienen, will sich aufmerksam verschaffen, in die Öffentlichkeit treten. Ein kurzer Blick in die Literaturgeschichte genügt, um sich davon zu überzeugen. Sich selbst inszenierende Akteure sind keineswegs ein Symptom des 21. Jahrhunderts; immer schon hat es Literaten gegeben, die provokant und lautstark auftraten. Die provokanten und sich aufgrund ihrer Provokationen oftmals besser verkaufenden Selbstdarsteller des vergangenen Jahrhunderts aber, haben dann doch ganz brauchbare Literatur geschrieben (in Deutschland ist der junge Peter Handke ein Paradebeispiel). Ihre Werke waren mehr als nur Beiwerk ihrer Auftritte. Vielmehr stand der Auftritt im Zeichen des dahinter liegenden Werkes. Und gerade hier scheint sich ein bedenklicher Wandel vollzogen zu haben. Das Buch droht zu einem Accessoire zu werden, das Schreiben zum Lifestyle.
Woobooks. Schreiben im Zeitalter der Selbstbezogenen?
In einer Zeit, in der Texte eher individuelle als existenzielle Themen verhandeln und kunstlos geschriebene Bücher mit dem Prädikat "schnörkelloser Stil" versehen werden; in der die stumpfe Aneinanderreihung von Tönen die Melodie ablöst und Lesen mit dem Bedienen einer Benutzeroberfläche verwechselt wird, in solch einer Zeit konnten Konzepte wie Self Publishing - und nun wohl auch Woobooks - auf fruchtbaren Boden stoßen. Schließlich ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dieser Konzepte, dass es eine möglichst große Masse von Menschen gibt, die glauben, es brauche nur Zeit - drei Stunden am Abend - um interessante Geschichten niederzuschreiben. Jetzt blühen diese Konzepte auf.
Man hat den Eindruck, der eigensinnige, schöpferische Blick auf die Welt hat als Kunstmaterial ausgedient. An seiner Stelle tritt der faszinierende Blick auf sich selbst, oder der interessierte in die Vergangenheit. Ja, man hat den Eindruck, das Schöpferische wird den Technokraten überlassen. Aufbruch und neue Ideen. Smarte Lösungen für alle. Die Wut als Erkenntnisinstrument wird damit redundant. Man lebt, atmet, reist und schreibt auf Nummer sicher.
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