Eine Nachricht bleibt unbeantwortet, ein Telefon stumm. Jafar Panahi beschreibt diesen Moment ohne Dramatik: Am Vormittag noch Kontakt, am nächsten Tag Gewissheit. Mehdi Mahmoudian ist festgenommen worden. Drehbuchautor, Menschenrechtsaktivist, Mitgefangener, Mitdenker. Einer, dessen Fehlen sofort spürbar wird.
Wenn das Drehbuch verhaftet wird – Mehdi Mahmoudian, Jafar Panahi und die Repression der Kunst
Der Kontext der Festnahme
Mahmoudians Verhaftung ist kein Einzelfall, sondern Teil eines bekannten Musters. Kurz zuvor hatte er einen offenen Brief unterzeichnet, in dem Irans oberste Führung für ihr Vorgehen gegen die landesweiten Proteste verantwortlich gemacht wird. Siebzehn Unterzeichnende – darunter Jafar Panahi, die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi und der im deutschen Exil lebende Regisseur Mohammad Rasoulof – sprechen von massenhafter und systematischer Gewalt gegen die eigene Bevölkerung.
Die iranische Regierung räumt mehr als dreitausend Tote ein. Menschenrechtsorganisationen gehen von mehreren Zehntausend aus. Der Brief benennt diese Diskrepanz, ohne Pathos, ohne Übertreibung. Vielleicht liegt genau darin seine Sprengkraft.
Der Film als Zeugenraum
Mahmoudian ist Co-Autor von It Was Just An Accident, Jafar Panahis Film, der im vergangenen Jahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde und aktuell für den Oscar nominiert ist – als Bester internationaler Film und für das Beste Drehbuch. Der Film erzählt von ehemaligen politischen Gefangenen, die den Mann entführen, den sie für ihren Folterer halten.
Es ist ein Thriller ohne Erlösung, ein Roadmovie ohne Ziel. Humor und Slapstick blitzen auf, nicht als Entlastung, sondern als Störung. Der Film fragt nicht nach Gerechtigkeit, sondern nach der Möglichkeit von Gnade in einem System, das Schuld verwischt.
Mahmoudians Rolle
Panahi bat Mahmoudian um Mitarbeit am Drehbuch, weil dieser neun Jahre Haft hinter sich hatte. Weil er wusste, wie Gefängnissprache klingt. Verkürzt, vorsichtig, solidarisch. Mahmoudian war kein Autor aus der Distanz, sondern ein Zeuge. Im Gefängnis, so Panahi, war er jemand, dem andere vertrauten. Einer, der zuhörte.
Solche Figuren sind gefährlich. Nicht laut, nicht heroisch, sondern verlässlich.
Politische Reaktionen
Die Festnahme löste internationale Reaktionen aus. Die frühere Kulturstaatsministerin Claudia Roth sprach von einem „Angriff auf die künstlerische Freiheit“ und einem weiteren Versuch, kritische Stimmen systematisch zum Schweigen zu bringen.
Auch der amtierende Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, verurteilte das Vorgehen scharf:
„Die Festnahme von Mehdi Mahmoudian ist kein Einzelfall, sondern Teil eines Systems, das kritische Stimmen gezielt zum Schweigen bringen will. Wer Autorinnen und Autoren einsperrt, bekämpft nicht die Kunst, sondern die Freiheit. Kunst ist kein Verbrechen.“
Weimer hob zudem die Bedeutung unabhängiger Medien wie der Deutschen Welle hervor, deren persischsprachiges Angebot trotz massiver Zensur Millionen Menschen erreiche. Dass das iranische Regime diese Arbeit behindere, sei selbst ein Beleg für ihre Relevanz.
Kunst unter Beobachtung
Das iranische Kino war stets ein Raum der Verschiebung. Gesellschaftliche Gewalt wurde in Metaphern ausgelagert, Macht in Alltagsgeschichten übersetzt. It Was Just An Accident führt diese Tradition weiter – und wird nun von der Realität eingeholt, die es beschreibt.
Dass ein Drehbuchautor verhaftet wird, während sein Film weltweit diskutiert wird, ist kein Widerspruch. Es ist die innere Logik der Repression. Sichtbarkeit wird im Inneren mit Strafe beantwortet.
Offenes Ende
Mahmoudian sitzt im Gefängnis. Panahi ist erneut angeklagt. Der Film läuft weiter durch die Kinos der Welt. Zwischen diesen Punkten spannt sich ein Resonanzraum, in dem Kunst nicht schützt, aber sichtbar macht. Was daraus folgt, bleibt offen.
Biografische Tiefenschärfe
Mahmoudian ist kein Zufallsname auf einem Abspann. Bekannt wurde er als politischer Journalist und Bürgerrechtler, nachdem er 2009 systematische Misshandlungen im Gefängnis Kahrizak dokumentiert hatte. Der Preis dafür folgte umgehend: Zwischen 2009 und 2014 verbrachte er Jahre in Haft. 2010 wandte sich seine Mutter in einem offenen Brief an die Staatsanwaltschaft Teherans und machte sie für seinen kritischen Gesundheitszustand verantwortlich.
Auch danach blieb sein Leben ein Pendel zwischen Öffentlichkeit und Zelle. Weitere Verfahren, weitere Festnahmen. Im Januar 2024 kam er frei, ohne dass sich an den Bedingungen etwas geändert hätte. Anfang 2025 wurde er erneut verurteilt – acht Monate Haft wegen journalistischer Beiträge über Bettwanzen in iranischen Gefängnissen. Während er diese Strafe verbüßte, leitete die Staatsanwaltschaft im Juli 2025 ein weiteres Verfahren gegen ihn ein.
Mahmoudians Biografie liest sich wie ein Protokoll staatlicher Geduldslosigkeit: Wer beobachtet, wird entfernt. Wer dokumentiert, wird selbst zur Akte.
Quellen
- BBC Persian – Berichte zur Festnahme Mehdi Mahmoudians
- Neon – Stellungnahme des US-Verleihs von It Was Just An Accident
- Erklärung von Jafar Panahi zur Festnahme Mahmoudians
- Euronews Culture – Berichterstattung zu Cannes-Auszeichnung und Oscar-Nominierungen
- Offener Brief iranischer Kulturschaffender und Aktivist:innen
- Stellungnahmen von Claudia Roth und Wolfram Weimer