Die Zeit läuft! (Romanauszug)

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Der Brigadegeneral und der Oberst hatten bereits im abhörsicheren Besprechungsraum des ehemaligen Chefs der DDR-Grenztruppen Platz genommen, als der Staatssekretär hereinstürmte. Grußlos lief er an den beiden Offizieren vorbei, warf seinen Aktenkoffer auf den großen Besprechungstisch und ließ die Verschlüsse seines Aktenkoffers wie Stiletts aufschnappen. Sein linkes Augenlid zuckte dabei. Der Brigadegeneral und der Oberst verfolgten angespannt jede seiner Bewegungen.

Hochfeldt nahm einen Stoß Akten aus seinem feinen, ledernen Koffer und knallte diesen auf den Besprechungstisch. Er sah die beiden Offiziere an. Seine Wangenmuskeln arbeiteten wild und das linke Augenlid flackerte unentwegt. Dann konnte er nicht mehr an sich halten und explodierte. Mit der flachen Hand schlug er auf den Tisch.

"Wie konnte das passieren?", brüllte er. "Ich denke, diese Scheißdinger sind alle bei den Russen!" Er schlug noch einmal mit der flachen Hand auf den Tisch. "Wieso taucht dieses Ding jetzt auf?" Er starrte die beiden Militärs an, seine Augen funkelten böse. "Wieso ausgerechnet jetzt? So kurz vor der Wiedervereinigung!", schrie er. "Wir wissen es nicht, Herr Staatssekretär", antwortete der Brigadegeneral kleinlaut und versuchte, den Blickkontakt mit dem Staatssekretär zu vermeiden.

Hochfeldts Kiefer mahlten heftig. Die beiden Offiziere spürten, wie er mit sich rang, um nicht erneut auszurasten. "Das habe ich mir gedacht", sagte er gefährlich leise. Er machte eine Pause, in der man ihn kontrolliert atmen hörte. "Ist Ihnen eigentlich bewusst, was das für Konsequenzen für uns alle haben kann?", fragte er in krampfhaft beherrschtem Tonfall. Er fixierte die beiden Offiziere nacheinander. "Wenn das hier bekannt wird, sind wir alle erledigt", sagte er, so nüchtern, wie es ihm möglich war. "Begreifen Sie das?" Der Brigadegeneral straffte sich. "Herr Staatssekretär, wir bemühen uns, eine Lösung zu finden." Doch schon bei den letzten Worten bemerkte er selbst, dass diese Antwort keine gute Idee war. Der Puls des Staatssekretärs schoss augenblicklich in die Höhe. "Sie bemühen sich, Herr General?", rief er ironisch. Dann schlug er wieder mit der flachen Hand auf den Tisch. Klatsch! "Sie bemühen sich?", brüllte er und hob die Hand über die Tischplatte. Seine Hand verharrte kurz wie ein Adler vor dem Sturz auf die Beute. Dann fuhr sie gnadenlos nieder. "Sehr (Klatsch!) – sehr (Klatsch!) – schön (Klatsch!) – Herr (Klatsch!) – General (Klatsch!)."

Der Staatssekretär hatte mit voller Wucht auf den Tisch geschlagen. Seine Handfläche färbte sich knallrot. Mit einem Mal hielt Hochfeldt inne und wurde ruhig. Nur das Flackern seines Augenlides verriet, wie es weiter in ihm arbeitete. "Sie begreifen scheinbar nicht die Dimension dieser Angelegenheit, Herr Brigadegeneral!", zischte er. Hochfeldt zog eine Akte aus dem Stapel vor ihm und schlug diese auf. "Ich habe heute den gesamten Vormittag damit zugebracht, halbwegs valide Zahlen zum Transitreiseverkehr in die DDR während der 80er-Jahre zu erhalten", rief er. "Ich hatte damit gerechnet, dass das Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen entsprechende Zahlen, aufgelistet nach Jahren und Monaten, für jeden einzelnen Grenzübergang in die DDR verfügbar hat. Doch die haben nichts! Gar nichts! Ich weiß überhaupt nicht, wozu dieses Ministerium alle die Jahre existiert hat."

Jetzt ist der richtige Augenblick, sich wieder ins Gespräch zu bringen und Hochfeldt zu unterstützen, dachte der Brigadegeneral. "Sie haben vollkommen recht, Herr Staatssekretär", bestätigte ihn der General. "Niemand weiß, wozu dieses Ministerium eigentlich gut war. Die haben Hunderte von Beamten beschäftigt. Doch den politischen Umschwung in der DDR haben sie alle verschlafen. Die waren selbst am 9. November noch völlig ahnungslos. Der Oberst nickte dazu beifällig. Diese Einschätzung gefiel dem Staatssekretär. "Herr General! Das ist genau meine Rede", ereiferte er sich weiter. "Die haben nicht nur den Umbruch in der DDR verschlafen! Nein! Die haben auch die Veränderungen im gesamten Ostblock verpennt!" Das Flackern seines Augenlides beschleunigte sich.







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