Die Zeit läuft! (Romanauszug)

Vorlesen
- 2 Seiten -

Der Brigadegeneral und der Oberst hatten bereits im abhörsicheren Besprechungsraum des ehemaligen Chefs der DDR-Grenztruppen Platz genommen, als der Staatssekretär hereinstürmte. Grußlos lief er an den beiden Offizieren vorbei, warf seinen Aktenkoffer auf den großen Besprechungstisch und ließ die Verschlüsse seines Aktenkoffers wie Stiletts aufschnappen. Sein linkes Augenlid zuckte dabei. Der Brigadegeneral und der Oberst verfolgten angespannt jede seiner Bewegungen.

Hochfeldt nahm einen Stoß Akten aus seinem feinen, ledernen Koffer und knallte diesen auf den Besprechungstisch. Er sah die beiden Offiziere an. Seine Wangenmuskeln arbeiteten wild und das linke Augenlid flackerte unentwegt. Dann konnte er nicht mehr an sich halten und explodierte. Mit der flachen Hand schlug er auf den Tisch.

"Wie konnte das passieren?", brüllte er. "Ich denke, diese Scheißdinger sind alle bei den Russen!" Er schlug noch einmal mit der flachen Hand auf den Tisch. "Wieso taucht dieses Ding jetzt auf?" Er starrte die beiden Militärs an, seine Augen funkelten böse. "Wieso ausgerechnet jetzt? So kurz vor der Wiedervereinigung!", schrie er. "Wir wissen es nicht, Herr Staatssekretär", antwortete der Brigadegeneral kleinlaut und versuchte, den Blickkontakt mit dem Staatssekretär zu vermeiden.

Hochfeldts Kiefer mahlten heftig. Die beiden Offiziere spürten, wie er mit sich rang, um nicht erneut auszurasten. "Das habe ich mir gedacht", sagte er gefährlich leise. Er machte eine Pause, in der man ihn kontrolliert atmen hörte. "Ist Ihnen eigentlich bewusst, was das für Konsequenzen für uns alle haben kann?", fragte er in krampfhaft beherrschtem Tonfall. Er fixierte die beiden Offiziere nacheinander. "Wenn das hier bekannt wird, sind wir alle erledigt", sagte er, so nüchtern, wie es ihm möglich war. "Begreifen Sie das?" Der Brigadegeneral straffte sich. "Herr Staatssekretär, wir bemühen uns, eine Lösung zu finden." Doch schon bei den letzten Worten bemerkte er selbst, dass diese Antwort keine gute Idee war. Der Puls des Staatssekretärs schoss augenblicklich in die Höhe. "Sie bemühen sich, Herr General?", rief er ironisch. Dann schlug er wieder mit der flachen Hand auf den Tisch. Klatsch! "Sie bemühen sich?", brüllte er und hob die Hand über die Tischplatte. Seine Hand verharrte kurz wie ein Adler vor dem Sturz auf die Beute. Dann fuhr sie gnadenlos nieder. "Sehr (Klatsch!) – sehr (Klatsch!) – schön (Klatsch!) – Herr (Klatsch!) – General (Klatsch!)."

Der Staatssekretär hatte mit voller Wucht auf den Tisch geschlagen. Seine Handfläche färbte sich knallrot. Mit einem Mal hielt Hochfeldt inne und wurde ruhig. Nur das Flackern seines Augenlides verriet, wie es weiter in ihm arbeitete. "Sie begreifen scheinbar nicht die Dimension dieser Angelegenheit, Herr Brigadegeneral!", zischte er. Hochfeldt zog eine Akte aus dem Stapel vor ihm und schlug diese auf. "Ich habe heute den gesamten Vormittag damit zugebracht, halbwegs valide Zahlen zum Transitreiseverkehr in die DDR während der 80er-Jahre zu erhalten", rief er. "Ich hatte damit gerechnet, dass das Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen entsprechende Zahlen, aufgelistet nach Jahren und Monaten, für jeden einzelnen Grenzübergang in die DDR verfügbar hat. Doch die haben nichts! Gar nichts! Ich weiß überhaupt nicht, wozu dieses Ministerium alle die Jahre existiert hat."

Jetzt ist der richtige Augenblick, sich wieder ins Gespräch zu bringen und Hochfeldt zu unterstützen, dachte der Brigadegeneral. "Sie haben vollkommen recht, Herr Staatssekretär", bestätigte ihn der General. "Niemand weiß, wozu dieses Ministerium eigentlich gut war. Die haben Hunderte von Beamten beschäftigt. Doch den politischen Umschwung in der DDR haben sie alle verschlafen. Die waren selbst am 9. November noch völlig ahnungslos. Der Oberst nickte dazu beifällig. Diese Einschätzung gefiel dem Staatssekretär. "Herr General! Das ist genau meine Rede", ereiferte er sich weiter. "Die haben nicht nur den Umbruch in der DDR verschlafen! Nein! Die haben auch die Veränderungen im gesamten Ostblock verpennt!" Das Flackern seines Augenlides beschleunigte sich.







Gefällt mir
3
 

Weitere Freie Texte

lesering
Freie Texte

Nachdenken einer vernachlässigten Sache

UPa

Hegel würde sagen: Ihr habt die Dialektik angehalten. Arendt würde sagen: Ihr habt den Raum zerstört, in dem Wahrheit erscheinen kann. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt keine historische Distanz, sondern eine präzise Diagnose der Gegenwart. Denn was heute als wissenschaftlicher Konsens, evidenzbasierte Politik oder alternativlose Sachlogik firmiert, ist weniger Ausdruck gewonnener Erkenntnis als Ergebnis einer epistemischen Stillstellung. Wahrheit wird nicht mehr gesucht, sondern verwaltet; ...
Freie Texte

Horaffe: Ein Land

Horaffe2025

„Wer kennt das Land, in dem die Menschen in der Gegenwart die Vergangenheit vermissen, um positiv in die Zukunft blicken zu können“. Ein Volk, vereint in Kraft und Glauben an seine Stärke, kann niemand ihre Überzeugung an das Gute im Menschen rauben. Versuchen auch finstere Mächte, dies zu untergraben, sie werden sich damit nur selber schaden. Fleißige Hände erschaffen Tag und Nacht eine blühende Landschaft. Gesundes Essen, gesunde Tiere gibt es nur durch die Arbeit einer Gemeinschaft. ...
Freie Texte

Geschichte: Dilara Sophie Schömer

Dilara Sophie Schömer

Eilig rannte ich durch das hohe Gras. Es war schon Nachmittag, bald würde die Sonne untergehen. Doch jetzt strahlte diese noch hell genug, dass ich die Landschaft unter mir sah und nicht hinfiel. Als ich jedoch das Feld hinter mir gelassen hatte und in den dichten Wald rannte, wurde es schlagartig dunkel und man sah nur wenig vom Boden, woraufhin ich auf jeden meiner schnellen Schritte achtete, nicht auszurutschen. Doch das war ziemlich schwer, denn gleichzeitig schaute ich regelmäßig nach ...
Freie Texte

Lächelndes Mädchen: Pia Reichstein

Pia Reichstein

Das Lächelnde Mädchen siehst du in mir, Aber wenn ich ihn den Spiegel schaue sehe ich nur die Fehler an mir. Die unproportionale Nase,der Körper der nicht richtig ins Bild passen will ,die Daumen die ich täglich verstecke. Das alles was du nicht siehst, weil du siehst nur das lächelnde Mädchen in mir. Das das glücklich und zufrieden ist. Das das selbstbewusst wirkt. Aber das das bin nicht. v Den hinter dieser Maske da ist ein zerbrechliches, verletztes Mädchen was sich Abends in den Schlaf weint ...
Freie Texte

Katrin Pointner: Willst du Liebe

Katrin Pointner

Willst du Liebe, schreib ich dir. Zärtliche Zeilen übers gemeinsam im warmen Bett verweilen Während unser Fenster weit offen steht Die kalte Winterluft uns umweht Wir uns enger aneinander schmiegen Unsere Bücher lose in der einen Hand liegen Während deine andere Hand sanft mit meinen ungezähmten Haaren spielt. Unter uns ist es weich, über uns eine warme Decke mit zartrosa Blumen geschmückt. Willst du Liebe, schreib ich dir.

Aktuelles