Skurril, absurd, deutsch Heinz Strunk´s neuer Erzählband "Der gelbe Elefant"

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In seinem Kurzgeschichtenband "Der gelbe Elefant" nimmt Heinz Strunk den deutschen Alltagswahnsinn in den Blick. Bild: Sowohl Verlag

Heinz Strunk hat eine Vorliebe für verbohrte, skurrile Alltagssituationen, die er in seinen Werken derart übersteigert darstellt, dass man als Leser stets zischen verquirlter Albernheit und abgrundtiefer Düsternis oszilliert. In Strunk´s neuem Werk - ein Erzählband mit dem Titel "Der gelbe Elefant" - werden wir mit Figuren konfrontiert, die man getrost als wandelnde Aushängeschilder dessen bezeichnen kann, was man deutsche Spießbürgerlichkeit nennt. Grotesk, amüsant, bissig. Und besonders gute Strandlektüre.

Im vergangenen Jahr legte Heinz Strunk mit "Ein Sommer in Niendorf" seinen bislang wohl erfolgreichsten Roman vor. Eine Woche stand das Buch auf Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste. Darüber hinaus war es für den Deutschen Buchpreis nominiert. Strunk hatte mit seinem Niendorf-Roman die Fülle seiner bisherigen Werke pointiert zusammengefasst: Die Darstellung skurriler, absurder Einzelschicksale, durch deren Alltagsleben sich Risse ziehen, die immer auch auf gesellschaftliche Verfehlungen verweisen, immer über das Einzelschicksal hinausgehen. Gleiches können Leserinnen und Leser nun auch in Strunks neuem Werk "Der gelbe Elefant" entdecken, welches 30 Kurzgeschichten umfasst.

Mal überzeichnet, mal realitätsnah

Schön an dieser Form ist, dass sie Strunks Blick auf sein Material in aller Kürze deutlich macht, gewissermaßen in die Werkstatt des Autors blicken lässt, dessen Beobachtungsgabe hervorhebt, sein Händchen für Aperçus. Dieser Eindruck wird von der Machart der einzelnen Texte unterstützt, von denen einige skizzenhaft und wie hingeworfen erscheinen.

Wollte man die hier anzutreffenden Geschichten unter einem thematischen Schwerpunkt zusammenfassen, so müsste dieser wohl "der Deutscher Alltagswahnsinn" heißen. Für Eingefleischte Fans werden in "Der gelbe Elefant" methodisch einiges aus Strunks Debüt "Fleisch ist mein Gemüse" entdecken können. War es dort die norddeutsche Provinz, die der Autor kritisch sarkastisch beäugte, so ist es hier die gesamtdeutsche Spießbürgerlichkeit, die, mal überzeichnet, mal ungeschmückt aus dem Alltag übernommen abgebildet wird. Da ist ein übergenauer Restaurantbesucher, der herrisch nach der Speisekarte verlangt und später den zu zahlenden Betrag centgenau auf dem Tischen liegen hat, noch bevor der Kellner die Rechnung stellt. Derselbe Besucher regt sich höllisch darüber auf, dass die Kroketten ausverkauft sind. In einer anderen Geschichte begegnen wir Carola, die gerne mal "saufi saufi" macht und dabei Kurznachrichten an ihren Lieblingsautor verschickt, die allesamt unbeantwortet bleiben. Dann ist da noch der selbstverliebte Motivationsguru, der, in einem Wald umherirrend, von einer Horde Steinzeitmenschen gefangen genommen wird. In der Geschichte "Der erledigte Experte" sitzt ein Wissenschaftler in einer Markus Lanz-Runde, bekommt aber vom Moderator nicht die Möglichkeit, seine Expertise kundzutun.

So spürt Strunk auch hier wieder Momente auf, die auf unbeantwortete menschliche Bedürfnisse, auf enttäuschte Hoffnungen und tief grollende Ressentiments fußen. Eine Sammlung von Geschichten, die den deutschen Alltagswahnsinn beispielhaft darstellen, Wut und Enttäuschung drehen und wenden, und gerade dadurch eine ausgezeichnete Urlaubslektüre darstellen.


Heinz Strunk, "Der gelbe Elefant"; Rowohlt Verlag; 2023, 208 Seiten, 22,00 €



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