Tina Pruschmann Literatur darf das eigene Weltbild ins Wanken bringen

Literatur statt Brandsätze
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Die sächsische Initiative „Literatur statt Brandsätze“ hat sich im Februar dieses Jahres gegründet. Bis Ende Oktober lesen Autor/innen in Orten von Sachsen, in denen es nur wenige kulturelle Angebote gibt. Ziel der Initiative ist es, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und gemeinsam mit den demokratischen Kräften vor Ort ein Zeichen für Menschlichkeit, Solidarität und Demokratie zu setzen. Eine der ehrenamtlichen Organisatorinnen der Initiative ist Tina Pruschmann, Texterin und Ghostwriterin aus Leipzig.

Warum engagieren Sie sich für Literatur statt Brandsätze?

Tina Pruschmann: Das Konzept der Initiative hat mich sofort überzeugt. Es greift auf, was hinter den wiederkehrenden Angriffen auf Flüchtlinge in Sachsen steht. Wir erleben derzeit eine starke Polarisierung zwischen denjenigen, die auf Abschottung setzen und für die Flüchtlinge zur Projektionsfläche aufgestauter Frustration und Wut geworden ist, und denjenigen, die für ein offenes und solidarisches Land eintreten. Die Bruchlinie geht durch Freundeskreise und Familien. Eine ähnlich politisch aufgeladene Situation gab es meiner Wahrnehmung nach zuletzt in den Wendejahren 1989/90. Wichtig ist, dass die Gräben nicht tiefer werden und dass wir darüber im Gespräch bleiben, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Wichtig ist auch, dass – gerade in Sachsen – ein deutliches Zeichen aus der gesellschaftlichen Mitte kommt, was in einer Demokratie nicht verhandelbar ist. Dazu gehören Gewalt und das Missachten von Grundrechten. Auch Flüchtlinge sind in unserem Land Träger von Grundrechten.

Worin besteht Ihre Arbeit genau?

Tina Pruschmann: Ich unterstütze die Pressearbeit und die Veranstaltungsorganisation. Darüber hinaus übernehme manche Moderation vor Ort.

Welchen Beitrag kann die Literatur und das Sprechen über literarische Texte zur Stärkung der Demokratie leisten?

Tina Pruschmann: Für mich beginnt Literatur wie Demokratie damit, genau hinzusehen und zuzuhören. In literarischen Texten werden Erfahrungen und Konflikte verhandelt, an die Leser/innen und Zuhörer/innen anknüpfen können – entweder, weil sie die Erfahrungen der Figuren kennen oder weil sie beim Lesen Teil einer ihnen zunächst fremde Welt werden. Das heißt, im Austausch über die Figuren eines Textes findet ein Perspektivwechsel und eine empathische Annäherung statt. Generell trägt die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur dazu bei, sich mit dem Uneindeutigen, Ambivalenten, Unerwarteten auseinanderzusetzen und Spannungen, die sich daraus ergeben, auch einmal aushalten zu können. Kunst und Literatur darf ruhig das eigene Weltbild ins Wanken bringen und dazu anregen, sich immer wieder kritisch zu hinterfragen. Diese Fähigkeit ist in einer globalisierten und pluralen Gesellschaft wie der unseren wichtiger denn je. Insofern ist die Literatur ein außerordentlich geeignetes Medium, Demokratiefähigkeit zu stärken.

Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen?

Tina Pruschmann: Zum jetzigen Stand (24.6.) gab es fünf moderierte Lesungen. Die Auftaktveranstaltung fand mit Jaroslaw Rudiš in Wurzen statt. Elmar Schenkel, Thomas Podhostnik und Diana Feuerbach lasen beim Literaturfest Meißen und Michael Kraske in Bad Lausick. Mit der Resonanz sind wir sehr zufrieden. Über Veranstaltungen wie dem Literaturfest Meißen erreichen wir eine breite Öffentlichkeit. Das ist natürlich ganz im Sinne der Initiative. Wir wollen ja auch mit Menschen ins Gespräch kommen, die Bedenken und Befürchtungen haben. Vereine, die sich für Solidarität, Demokratie und in der Flüchtlingshilfe engagieren, wie das Netzwerk für Demokratische Kultur Wurzen oder das Flexible Jugendmanagement Bad Lausick nehmen die Veranstaltungen als eine wichtige Rückenstärkung für ihre Arbeit wahr. Das freut uns sehr.

Sind die Lesungen thematisch?

Tina Pruschmann: Die Leseangebote der fast 60 Autorinnen und Autoren sind sehr vielseitig und reichen von Lyrik bis Belletristik, von Unterhaltung bis Sachbuch, vom autobiografischen Roman bis zum Kinderbuch. Die Autor/innen nähern sich mit einer Fülle an Themen verschiedenen Lebensmotiven und gesellschaftlichen Entwicklungen. Es gibt also unendlich viel Gesprächsstoff. Am 9. August findet mit Franziska Gerstenberg die erste Lesung in einer Schule statt. Das freut uns sehr, denn der Austausch mit Kindern und Jugendlichen liegt uns natürlich besonders am Herzen. Bislang haben sich fast 40 Veranstalter aus allen Regionen Sachsens gemeldet. Was uns besonders begeistert, ist die interessante Mischung aus Schulen, Vereinen, Bibliotheken, Gewerkschaften und der Kirche.

Welche Resonanz und Unterstützung erfahren Sie in der Öffentlichkeit?

Tina Pruschmann: Wir bekommen viel Zuspruch und Unterstützung von Vereinen aus der Jugend-, Kultur- und Demokratiearbeit. Verlage und Literaturverbände unterstützen uns ebenso wie der Sächsische Städte- und Gemeindetag. Unterstützer und Multiplikatoren finden wir aber auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Wir haben ein Unternehmen kennengelernt, das sich intensiv zum Beispiel in Form von Patenschaften für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt engagiert. Unternehmen aus der Werbebranche unterstützen uns in der Öffentlichkeitsarbeit.

Stößt die Initiative auch manchmal auf Ablehnung?

Tina Puschmann: Das kommt das eine oder andere Mal in Form von Zurückhaltung und Skepsis vor, zum Glück selten. Das ist bei dem grundlegend guten Gefühl zwar ein kleiner Rückschlag, zeigt aber auch, wie wichtig Initiativen wie Literatur statt Brandsätze in Sachsen sind.

Gibt es Lesungen, auf die Sie sich besonders freuen?

Tina Pruschmann: Wir haben so viele Autorinnen und Autoren mit tollen Leseangeboten. Da fällt es mir schwer, etwas herauszunehmen. Ich freue mich sehr auf literarische Entdeckungen. Gespannt bin ich auf Joseph Haslinger, der am 1. September in der Stadtbibliothek Pirna aus seinem Roman Jáchymov lesen wird. Joseph Haslinger erzählt darin die reale Geschichte von Bohumil Modrý, dem berühmten Torhüter der tschechischen Eishockey-Nationalmannschaft. Vor dem Krieg wurde er als Nationalheld gefeiert. Nach dem Krieg galt er dem kommunistischen Regime als Landesverräter und wurde dazu verurteilt, im Arbeitslager Jáchymov für das russische Atomprogramm Uran abzubauen. Das ist ein sehr starker Roman, weil es Joseph Haslinger so gut gelingt, das Dokumentarische in Literatur zu verwandeln. Ich freue mich sehr darauf, mit dem Autor darüber zu sprechen, was es bedeutet, unter der Verfügungsgewalt einer Diktatur zu leben, und was die Erfahrung in den Menschen zurücklässt. Ein Thema, das mich persönlich umtreibt, und das natürlich ein wesentlicher Teil der Geschichte Ostdeutschlands ist.

 

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