Literatur statt Brandsätze Initiative gegen Unmenschlichkeit und Ausgrenzung gegründet

Illustration zur Aktion, Key Pascal Cloetta
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Sächsische AutorInnen und Kulturschaffende möchten Unmenschlichkeit und Ausgrenzung, ob in Gedanken oder Taten, nicht länger sprachlos hinnehmen. Um ein Zeichen zu setzen, haben sie sich in der Initiative „Literatur statt Brandsätze“ zusammengetan und organisieren ehrenamtliche Lesungen und Veranstaltungen an Orten, die sonst wenig an Kultur angeschlossen sind.


„Ich denke, dass demokratische und kulturelle Teilhabe zusammen hängen. Wir möchten insbesondere junge Menschen und jene, deren Meinung noch nicht verfestigt ist, durch literarisch verarbeitete Themen zu eigenständiger Haltung und Empathie ermutigen“, sagt die Initiatorin Anna Kaleri. Das Projekt wird zum ersten Mal auf der Leipziger Buchmesse am Buchmessesonntag, 20 März, 16.30 Uhr bis 17 Uhr, Forum Literatur Halle 5, Stand K600, der Öffentlichkeit vorgestellt.


Lesering hat mit Anna Kaleri über ihre Beweg- und Hintergründe der Aktion gesprochen:

Sie haben die Aktion „Literatur statt Brandsätze“ gegründet – warum?

Anna Kaleri: Autoren neigen dazu, sich in die Welten zu versenken, die sie selbst erschaffen. An einem bestimmten Punkt finde ich es aber wichtig, in der realen Welt Position zu beziehen. Dieser Punkt war bei mir erreicht, als ich dreimal hintereinander beunruhigende Nachrichten aus Sachsen hörte. Das ist das Bundesland, in dem ich lebe. Ich konnte nicht mehr ruhig bleiben. Ich dachte, wir müssen unbedingt etwas tun, damit es nicht in eines Tages dunkel wird in unserem Land (und damit meine ich das ganze).


Was kann Literatur (Ihrer Meinung nach) bewirken? (Was erhoffen Sie sich von den Lesungen auf dem „Land“?)

Anna Kaleri: Literatur ist nicht per se etwas Helles und Gutes, es gibt durchaus Werke, die den Blick auf die Welt vernebeln. Auch in einem weniger drastischen Sinne: die meisten Autoren wollen von ihren Lesern geliebt werden und bedienen sich mehr oder weniger manipulativer Mittel, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu halten. Am anderen Ende des Spektrums stehen Autoren, die unbedingt etwas äußern müssen und es sich vielleicht sogar mit den Lesern verscherzen, dahinter steckt eine aufrichtig-künstlerische Haltung. Von der Umsetzung eines Stoffes hängt ab, was im Leser in Gang gesetzt wird – und von der Empfänglichkeit des Lesers. Bestenfalls wird ein Prozess des Erkennens und der emotionalen Läuterung ausgelöst, vermittelt durch unser empathisches Vermögen. Literarische Bücher werfen einen differenzierten und subjektiven, also eigenständigen Blick auf die Welt. Bücher transportieren Themen, mit denen wir in Austausch treten und über die wir uns mit anderen Menschen austauschen. Diese beiden Arten von Dialog können wiederum lebendig und bereichernd sein und zum eigenen Differenzierungsvermögen beitragen. Das ist auch der Ansatz für die Aktion „Literatur statt Brandsätze“.

Wie genau kann man sich an der Initiative beteiligen?

Anna Kaleri: Als Autor aus Sachsen oder mit einem Bezug zu Sachsen mit einer ehrenamtlichen Lesung, bei der Sie sich auf Gespräche einstellen und auf nicht ganz so professionelle Verhältnisse wie z.B. in einem Literaturhaus.

Als Bürgermeister, Bibliothekarin, Pfarrer, Kita- oder Schulleiter, Vereinsmensch oder Wirt, in dem Sie sich per Mail melden und dann Kontakt zu ihrem Wunschautor aufnehmen. Sie müssten die Infrastruktur für die Lesung bereitstellen und die Fahrtkosten übernehmen.

Können alle Orte mitmachen?

Anna Kaleri: Alle Orte in Sachsen, an die Autoren bisher nicht oder selten gelangt sind.

Welche Zusagen gibt es schon?

Anna Kaleri: Dafür, dass die Initiative erst frisch gegründet ist, schon sehr viele. Volker Altwasser, Katharina Bendixen, Kerstin Hensel, Franziska Gerstenberg, Claudius Nießen, Elmar Schenkel, Jaroslav Rudiš, Kerstin Becker, Ralf Günther, Rebecca Salentin - um nur einige Namen zu nennen, die die Vielfalt der Aktion verkörpern.

Wie waren die ersten Reaktionen?

Anna Kaleri: „Toll, dass Sie uns nicht vergessen haben, so als Randlage!“ und „Bei mir rennen Sie offene Türen ein“ und „Ich frage mich, warum so etwas nicht schon früher kam“.

Wann genau soll die Aktion starten und wie lange soll das Projekt gehen?

Anna Kaleri: Bis 31. März 2016 sollten sich interessierte Autoren melden. Die Angebotsliste wird Anfang April an potentielle Veranstaltungsorte geschickt, dann können die ersten Lesungen Ende April, Anfang Mai beginnen, ein wenig Vorlauf braucht es immer für eine gelingende Werbung. Das Projekt ist für die Zeit bis Oktober 2016 angedacht.

Können Autoren auch aus unveröffentlichten Texten lesen?

Anna Kaleri: Nur von veröffentlichten Texten lässt sich ablesen, wie der Tenor ist. Teilnehmen kann, wer mindestens ein Buch im Programm eines Literaturverlags veröffentlicht hat.

Woraus werden Sie selbst lesen?

Anna Kaleri: Aus meinem letzten Roman „Der Himmel ist ein Fluss“. Er basiert auf einer wahren Geschichte, der meiner masurischen Großmutter, die als offiziell Deutsche ein Liebesverhältnis mit einem Polen hatte und das in der Zeit des Hitlerfaschismus. Die Lesungen bisher waren bewegend. Bei älteren Menschen kommen Erinnerungen hoch, vor allem an den Verlust ihrer Heimat. Als ich das Buch schrieb, hätte ich nicht gedacht, dass das Thema beziehungsweise die Themen wieder aktuell werden könnten.

Und woran arbeiten Sie gerade?

Anna Kaleri: Am Drehbuch zu einer Kino-Komödie mit dem Titel „Koma“.


Interessierte finden weitere Informationen zur Initiative unter www.literatur-statt-brandsaetze.de.

 

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