Eklat um "Stella" Die Leidenschaften unseres Jahrhunderts

Daniel Homann

Am 11. Januar erschien der Roman "Stella" des SPIEGEL-Reporters Takis Würger beim Hanser Verlag. Das Buch löste einen bisher nicht abgeklungenen Eklat aus. Kritekerinnen und Kritiker fragen sich nun: Wie konnte solch ein Buch im Hanser Verlag erscheinen? Ein Kommentar.

Der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus schrieb einmal: "Heute schaffen, heißt gefährlich schaffen. Jede Veröffentlichung ist eine Tat, und diese Tat setzt uns den Leidenschaften eines Jahrhunders aus, das keine Vergebung kennt." Heute, beinahe 60. Jahre später, scheint Camus Analyse ebenso zutreffend zu sein wie damals, im Jahre 1957. Natürlich sind die Leidenschaften unseres Jahrhunderts völlig andere geworden. Darunter etwa das leidenschaftliche Öffnen der eben erst eingetroffenen Eilmeldung während der U-Bahn-Fahrt, oder eben: der leidenschaftliche Gefühlsausbruch, wenn ausgerechnet dann die Internetverbindung sekündlich unterbrochen wird. Wir sind auch leidenschaftlich dabei zu erklären, was sich - vor allem für Künstler - nicht gehört; also fleißig dabei Hürden in den Weg zu stellen, die dann zwar überwunden werden dürfen, aber nicht ohne Weiteres überwunden werden sollten - oder doch? Vielleicht. Ja, mach mal! Für die Schlagzeile dann...

Was tatsächlich unverändert scheint ist, dass auch dieses Jahrhundert keine Vergebung kennt. Wer heute schreibt, trifft nicht mehr nur auf jene Literaturkritik, die sich spezifisch mit dem geschriebenen Werk auseinandersetzt, sondern auf wahre Kritikerwellen, die periodisch abtasten was aus einer Veröffentlichung herauszuholen ist. So auch im Falle des kürzlich erschienenen Romans "Stella". Zunächst wurde hier das literarische Werk von der Kritik weitreichend Verissen. Dann vergessen. Anschließend schwenkte der kritische Blick, und biss sich im Verlagsnamen fest: "wie konnte solch ein Buch beim Hanser Verlag erscheinen?" Auch dies wird man bald vergessen haben. Und zwischendrin - natürlich - immer mal wieder der Blick auf den Autor selbst, dessen künstlerische Unternehmung (herbeigezaubert die neue Hürde) ins moralische Flutlicht gestellt und unter diesen befremdlichen Bedingungen diskutiert wurde (und nach wie vor wird). Sei´s drum. Denn auch diese Diskusionen: demnächst Geschichte, exakt dann nämlich, wenn es neue Geschichten zu schreiben gibt.

Ist dies die Methode der leidenschaftlich Vergessenen, oder die der leidenschaftlich Neuentdeckenden? Springt man etwa, tollwütig denunzierend, von Reputation zu Reputation, um bedeutungslose Kerben in die Öffentlichkeitsfigur "Künstler" zu schlagen und anschließend wieder zu verschwinden? Ist es nicht so, dass immer sofort "öffentlicher Diskurs" geschrien wird, kurz nachdem eine kritische Meinung geäußert wurde? Das der Ausdruck "öffentlicher Diskurs" selbst also längst hohl und zu einem Anzeichen der eigenen Verbunkerung, der Flucht in die Masse, geworden ist? Unzählige "öffentliche Diskurse" um uns herum, die ununterbrochen stattfinden, die keine Pause, kein Nachdenken zulassen, da schon im selben Moment ein nächster aufploppt, den man nicht vernachlässigen darf, will man sich gebührend mit dem ersten beschäftigen. An welchem "öffentlichen Diskurs" nehmen Sie gerade Teil? Und wie öffentlich sind Jene, von denen Sie bisher noch nichts gehört haben?

Was also sind die Leidenschaften, denen die Veröffentlichungen unserer Tage ausgesetzt sind? Meist abfern des Werkes wesentlich intensiver stattfindene Leidenschaften, vermute ich: Leidenschaftliche Verbürokratisierung der Kunst, will heißen: leidenschaftliche Einsortierlust, leidenschaftliches Greifbar-Machen der Künstler, leidenschaftliches Aufstellen von Moralpranger, und, vor allem, leidenschaftlich dabei zusehen, wie jene an den Pranger gestellten Künstler ins Straucheln geraten und letztlich (hoffentlich, hoffentlich!) unter der Last der Halbmeinungen zusammenbrechen.

Freuen wir uns also darüber, dass wir es geschafft haben, Konzepte, wie sie uns aus Formaten wie "Bauer sucht Frau" oder "Das Junglecamp" bekannt sind, in den öffentlichen, kulturellen Diskurs zu übertragen. Freuen wir uns darüber, dass wir es geschafft haben, allein darin Freude zu verspühren, nur zuzusehen und ein wenig zu kommentieren. Freuen wir uns schließlich und endlich auf den Tag, an dem das oft viel zu komplexe Werk vollständig verdrängt wird, von der uns alle scheinbar wahnsinnig antreibenden Frage: "Darf der das?"


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