Interview mit Schauspielerin und Autorin Katrin Bühring Eine Frau mit vielen Facetten

Als Schauspielerin bezaubert Katrin Bühring seit vielen Jahren ein Millionenpublikum, als Drehbuchautorin schrieb sie das Skript für den Dauerbrenner "Ich will (k)ein Kind von Dir", doch mit ihrem neusten Projekt gelingt Katrin Bühring etwas völlig Neues: Mit ihrem kürzlich erschienenen Kinderbuch "Abie Alba - Der große Traum vom Weihnachtsbaum" erobert sie die Herzen der Jüngsten im Sturm. Lesering-Redakteurin Claudia Diana Gerlach führte ein Interview mit der vielseitigen Schriftstellerin. Den Link zur Buchvorstellung gibt es am Ende dieses Artikels.

Schauspielerin, Drehbuchautorin und Kinderbuch-Schriftstellerin: Katrin Bühring. Schauspielerin und Drehbuchautorin Katrin Bühring hat im letzten Jahr mit dem lustigen Kinderbuch "Abie Alba" viele neue Fans gewonnen: Kinder! Foto: Ruth Kappus, Foto zur Verfügung gestellt von Katrin Bühring

1. Liebe Katrin Bühring, Du bist ganz offensichtlich eine Frau mit sehr vielen Facetten: Schauspielerin, Drehbuchautorin und jetzt auch noch frisch gebackene Kinderbuch-Schriftstellerin. Nehmen wir einfach die Reihenfolge der Aufzählung und fangen mit den Fragen zu Dir als Schauspielerin an. Welche Deiner Rollen als Schauspielerin liegen Dir besonders am Herzen?

 

In meiner 23-jährigen Laufbahn als Schauspielerin sind mir natürlich sehr, sehr viele Rollen ans Herz gewachsen. Was viele dieser Rollen eint – sie geraten in eine emotionale Pattsituation. Letzten Herbst zum Beispiel spielte ich in „Der Kriminalist – Freunde von früher“ eine Anwältin, die gegen ihren eigenen Vater, den sie nie kennen gelernt hat, einen Prozess führt.

Oder in der Folge „In aller Freundschaft – Freie Entscheidung“ – da spielte ich eine Frau im 5. Monat, die im Krankenhaus erfährt, dass ihr Kind einen offenen Rücken hat. Es besteht die Möglichkeit, das Kind noch im Mutterleib zu operieren, doch sie möchte das Kind nicht behalten. Ihr Mann aber hält an dem Kind fest und der Kampf um das Kind beginnt. Hochspannend.

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Oder die Rolle der Kamilla in dem Film „Mama told me not to look into the sun“. Der Film wurde im Herbst auf dem Femal Filmmakers Festival Berlin gleich mit zwei Preisen ausgezeichnet. Ich spiele darin eine Frau, die sich aufopferungsvoll um ihre im Rollstuhl sitzende Mutter kümmert und das abseitig gelegene Weingut ihres verstorbenen Vaters bewirtschaftet. Eines Tages taucht ein von der Polizei gesuchter Fremder auf. Kamilla gewährt ihm Unterschlupf und beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit ihm. Die sowieso schon fragile Mutter-Tochter-Beziehung gerät ins Wanken und mündet in Gewalt.

Auch die Rolle der Margarethe von Losein in der polnischen Serie „Wojenne Dziewczyny“ hält mich seit 2016 in Atem. Die Serie ist im Zweiten Weltkrieg angesiedelt. Ich spiele eine Deutsche, die in Warschau für die Abwehr arbeitet. Machtbesessen, ehrgeizig und regimetreu verfolgt sie ihre Ziele.

Ins Handeln kommende, über sich hinauswachsende Figuren, die mutige Entscheidungen treffen, faszinieren mich. Ich erforsche diese Charaktere und manchmal kann ich sogar von ihnen lernen, denn ich muss ja beispielsweise den Mut, der manchmal viel größer ist als mein eigener, in mir finden, um eine Figur glaubwürdig zu verkörpern und darzustellen. Wenn ein Drehbuch eine gute Vorlage ist, kann das eine richtige Erfahrungsreise werden. „Geschenkte Lebenserfahrung“ habe ich das in einem „Theater heute“-Interview mal genannt.

2. Gibt es vielleicht aus Deinem Schauspielberuf eine besondere Anekdote, von der Du erzählen möchtest?

Es gibt eine Anekdote, die sich 1999, ganz zu Beginn meiner Laufbahn, zugetragen hat. Ich war noch in Hannover an der Schauspielschule und hatte bereits meine erste Hauptrolle in einem ZDF-Film absolviert. Da besuchte ich eines Abends meinen Vater in Berlin. Er ist ein großer Musikliebhaber und Plattensammler und zum Abendessen legte er die Filmmusik von dem Film „Die bleierne Zeit“ auf. Die Musik gefiel mir und mein Vater erzählte, wie er zu der Schallplatte gekommen war: Noch zu Ostzeiten wurde der Film in der OstberlinerAkademie der Künste gezeigt. Mein Vater war unter den Anwesenden und sprach im Anschluss der Vorführung die Regisseurin Margarethe von Trotta auf die Musik im Film an. Sie hatte ihm besonders gut gefallen, doch es war natürlich undenkbar, in der DDR an die Filmmusik ranzukommen. Da ließ sich Margarethe von Trotta die Adresse meines Vaters in Ostberlin geben und versprach, mal zu schauen, was sie für ihn tun könne.

Ein Dreivierteljahr später wurde mein Vater auf die Postausgabestelle vorgeladen. Ein Paket aus München war für ihn eingetroffen. In dem Paket befand sich eine Schallplatte und eine handgeschriebene Notiz: „Lieber Helmut, es hat ein wenig lange gedauert … aber ich hoffe, Sie freuen sich trotzdem. Herzliche Grüße Margarethe von Trotta.“

Tags darauf fuhr ich zurück nach Hannover. Und als ich in meiner WG eintraf, erwartete mich ich eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter. Meine Schauspielagentur teilte mir mit, dass Margarethe von Trotta „Jahrestage“ von Uwe Johnson verfilmt und mich gerne kennen lernen möchte!

Eine Woche später traf ich Margarethe von Trotta in Köln. Wir unterhielten uns einen Nachmittag lang und am Ende besetzte sie mich für eine tragende Rolle. So lief das damals. Ohne Casting. Man traf sich einfach, redete und das reichte als Entscheidungshilfe. Als ich mich von ihr verabschiedete, nahm ich mir dann ein Herz und sagte: „Ich soll Sie übrigens recht herzlich von meinem Vater grüßen.“ – „Ach, ja?“, entgegnete sie verdutzt und ich erzählte ihr die kleine Begebenheit. „So was habe ich gemacht?!“, sagte Margarethe und lachte.

Um diese Schallplatte geht es in der kleinen Anekdote aus Katrin Bührings Leben..Um diese Schallplatte geht es in der kleinen Anekdote aus Katrin Bührings Leben..Foto: zur Verfügung gestellt von Katrin Bühring






3. Deine Tätigkeit als Drehbuchautorin ist für viele nicht so wahrnehmbar wie Deine Arbeit als Schauspielerin: Was waren und sind Deine Lieblingsprojekte in diesem Bereich?

Zur Biografie eines jeden Drehbuchautors gehört, dass viele Lieblingsprojekte am Ende gar nicht realisiert werden. Sie landen in der Schublade. Das hat nichts mit der Qualität der Stoffe zu tun, sondern mit dem Mut und der Durchsetzungskraft von Entscheidungsträgern und Beziehungen, die man in die Branche hat. Zudem werden neben Krimis verhältnismäßig wenig Einzelstücke für das Fernsehen produziert.

Aber mit einer Komödie bin ich durchgekommen: „Ich will (k)ein Kind von Dir“. Der Film lief 2017 als abendfüllender Spielfilm in der ARD mit Felix Klare und Franziska Weisz in den Hauptrollen und wird, wegen der zeitlosen Thematik, regelmäßig wiederholt. Es geht um ein Paar, Mitte 30, glücklich ohne Kinder. Er Arztpraxis. Sie Uni.

Als aber Philipps Leben beginnt, sich wie eine Wiederholung anzufühlen, alle Männer um ihn herum Familien gründen und er sich vor seinen Eltern zunehmend als „Enkelkindversager“ fühlt, beginnt er an dem geplanten Lebensmodell zu zweifeln. Philipp will Vater werden, aber seine Freundin nicht verlieren. Was nun? Sich trennen? Verzichten? Oder soll Philipp unlautererweise etwas nachhelfen?Regie führte Ingo Rasper. Er beleuchtete ganz wunderbar die Konflikte, die entstehen, wenn dieFamilienplanung zur Streitfrage wird. Und er konnte vor allem meinen trockenen Humor „übersetzen“!

Ich werde nie unsere Premiere auf dem Filmfest Biberach vergessen. Der Film wurde auf großer Leinwand präsentiert und ich konnte hautnah miterleben, wie das Publikum im ausverkauften Saal lachte, weinte(!), den Atem anhielt, um dann wieder loszuprusten! Die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten war ein absoluter Glücksfall. Wir haben viel richtig gemacht. Und ich bin froh, dass ich das einmal so erleben durfte.

4. Worin liegt für Dich der besondere Reiz im Schreiben eines Drehbuches?

Neben einer handwerklich gut gebauten Geschichte liebe ich es, beim Schreiben, sei es nun ein Drehbuch oder Kinderbuch, einzigartige und unverwechselbare Figuren zu erfinden, die der Zuschauer ins Herz schließt und mit denen er gerne Zeit verbringt. Lebenszeit. Meine Arbeit als Schauspielerin half mir dabei, denn ich spiele beim Schreiben quasi jede meiner Figuren durch und prüfe sie auf Plausibilität und Glaubwürdigkeit. Auch das Ausarbeiten und Feilen an griffigen Dialogen ist für mich ein Riesenspaß! Ich lege den Figuren die Worte quasi in den Mund. Man sollte meinen, dass das bei jedem Drehbuch die Regel ist, ist es aber nicht.

5. Ende letzten Jahres hast Du uns alle mit Deinem lustigen Weihnachts-Kinderbuch „Abie Alba - Der große Traum vom Weihnachtsbaum“ überrascht und begeistert. Was hat Dich zu der Geschichte um den kämpferischen, selbstbewussten kleinen Tannenbaum inspiriert?

Die Geburtsstunde von Abie Alba war in einer Winternacht, an Heiligabend. Mein Mann und ich brachen spätabends von meinen Großeltern auf, um weiter nach Hamburg zu meinen Schwiegereltern zu fahren. Wir fuhren über die Dörfer, der Schnee fiel, kein Mensch weit und breit, gemütliches Licht in den Fenstern, geschmückte Weihnachtsbäume in den Stuben.

An einer schlecht ausgeschilderten Umleitung verfuhren wir uns und kamen plötzlich an einem Baumarkt vorbei. Vor dem Baumarkt war ein Verkaufsstand für Weihnachtsbäume aufgebaut mit dem absurden Namen „Tannenparadies“. Dort standen abgeholzte Tannenbäume, die nicht verkauft worden und damit umsonst gewachsen waren.

Dieser Anblick rührte mich, so sehr, dass ich von einem Tannenbaum erzählen wollte, der sich Heiligabend für seinen großen Traum auf den Weg macht. Ich „verpflanzte“ die Geschichte in die Baumschule, wo Abie Alba an Heiligabend seine Wurzeln aus der Erde zieht. Mit Teggie, einer vorlauten und frechen Winkelspinne, macht er sich auf den Weg. Diese „Entwurzelung“ hat bei vielen Lesern eine große Kraft entfaltet. Am Ende erfüllt sich natürlich Abies großer Traum und er überlebt – wegen seiner Wurzeln.

Kinderbuchautorin Katrin Bühring mit ihrem Romanhelden "Abie Alba".Kinderbuchautorin Katrin Bühring mit ihrem Romanhelden "Abie Alba".Foto: König/Wenzl, Foto zur Verfügung gestellt von Katrin Bühring











6. Für mich war Dein Weihnachtsbuch (anfangs noch!) der Geheimtipp der Saison: Man merkt den witzigen Dialogen Deine Erfahrung als Drehbuchautorin an; außerdem gibt es diesen herrlichen Running Gag! Was für Pläne und Wünsche hast Du für Abie Alba, den ich mir sehr gut auch als Filmstar in einem Kinder- bzw. Familienfilm vorstellen könnte?

Auch ich kann mir Abie Alba sehr gut als Filmstar in einem Kinder- bzw. Familienfilm vorstellen. Deswegen habe die Geschichte nach der letzten Berlinale 2020 einigen Filmproduktionen vorgestellt. Ohne Erfolg. Parallel dazu suchte mein Literaturagent mit dem Manuskript einen Kinderbuchverlag. Ebenfalls ohne Erfolg. Mit dem Ausbruch von Corona wusste ich dann, jetzt kann ich es ganz und gar vergessen, einen Kinderbuchverlag für Abie Alba zu finden, der in das aufwendige und kostenintensive Projekt, einer bis dato noch unbekannten Kinderbuchautorin, investiert.

Also habe ich mir an meinem Bäumchen ein Beispiel genommen, „meine Wurzeln aus der Erde gezogen“ und mich selbst – ohne Verlag – auf den Weg gemacht. Ich habe einen Weg gefunden, die Illustrationen von Lisa Sauerborn und die Übersetzungen ins Polnische und Englische zu finanzieren und das Buch im Selbstverlag, mit ISBN und allem drum und dran, veröffentlicht.

Jetzt ist das Buch in der Welt, überall online erhältlich und die exponentiell gestiegenen Verkaufszahlen zeigen uns, dass es richtig war, etwas zu wagen. Und wer weiß, vielleicht finden wir ja jetzt, wo das Buch fertig ist, doch noch einen Kinderbuchverlag mit Mut und Herz, der Abie Alba unter die Arme greift. Und dann wäre Abie Alba auch wieder für eine Filmproduktion interessant.

7. Was hast Du für neue Ideen und Projekte?

Aktuell reagiere ich auf die vielen Bitten meiner kleinen und großen Leser, eine Fortsetzung von Abie Alba zu schreiben.

8. Oh, damit greifst Du der wichtigsten Frage für alle Abie-Fans voraus: Ist eine Fortsetzung geplant?

Ja! Rahmen und Dramaturgie stehen bereits und ich bin schon ins Schreiben gekommen. Doch die Finanzierung macht mir aktuell noch Bauchschmerzen, denn ohne Verlag muss das Geld ja irgendwo herkommen. Und bis wir mit dem Buchverkauf schwarze Zahlen schreiben, wird es noch ein ganzes Weilchen dauern. Aber was soll ich machen? Die Figuren sind so drängend, ich kann gar nicht anders, als sie wieder auf die Reise zu schicken. Mal sehen, wo die Reise diesmal hinführt und was ich von meinen mutigen Protagonisten lernen kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

Liebe Katrin Bühring, wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Interview!

Hier ist der Link zu dem neuen Kinderbuch von Katrin Bühring: von dem kleinen Weihnachtsbaum, der auch ein Sommerleben hat!

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