#autorenleben Schreiben als revolutionärer Akt

Folgt man auf Instagram dem Hashtag #Autorenleben, so wird man nicht selten mit Bildern konfrontiert, auf denen weite Wohnstuben mit schönem Dielenboden und großen Fenstern zu sehen sind. Man stößt auf Kamine, auf MacBooks und Teekannen, auf lächelnde, hochaufgelöste Gesichter. Das bagatellisiert das Schreiben! Ein Autorenleben kann nach wie vor Protest sein!

Autorenleben
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Foto: Notizbuch Daniel Homann Was ist ein Autorenleben? Und wie oberflächlich wird mit den Narrativen des Schreibenden öffentlich umgegangen?

Autorenleben. Was bedeutet das? Sich nach dem 6-Stunden-Lohnarbeitstag in die warme Decke einkuscheln, sich an den Schreibtisch setzen und über vergangene Liebesaffären schreiben? Sich verrückte Figuren ausdenken, die irgendwo irgendwie das eigene Leben spiegeln und mit denen jeder etwas anfangen kann? Seiner Phantasie freien Lauf lassen? Was ist ein Autorenleben?

Die Selbstdarstellung angehender Autor*innen ist unter dem Hashtag Autorenleben auf Instagram zu begutachten. Zu sehen sind lebendig gewordene Produkte: Smartphone-clean, sauber, spiegelnde Oberfläche, schönes, geborgenes Leben, meist lächelnd. Ein Notizbuch liegt nahe am MacBook, unter dem Foto steht als Bildbeschreibungen: "Ach Leben, du bist der Wahnsinn". Ein anderes "Picture" zeigt eine halbgefüllte Teetasse; der Text hierzu lautet: "Ich sags ganz ehrlich: Als klar wurde, dass mein Projekt zunächst nur als Ebook erscheint, fühlte sich das wie eine Rückschritt an". Ein wahnsinns Leben voller Rückschritte. Denn man weiß schließlich, dass "Autorenleben", jedenfalls den fernen Erzählungen nach, nicht ganz so einfach zu führen sind. Dass sie im weitesten Sinne nämlich damit im Zusammenhang stehen, gegen etwas Unbequemes anzukämpfen, gewisse Widerstände zu überwinden; und wenn es im eignen Leben keinerlei nennenswerte Widerstände gibt, wenn keinerlei Kämpfe zu kämpfen sind und die Kuscheldecke alles andere als eine unbequeme Situation aufkommen lässt, dann ist die Tatsache, dass das neue Projekt nur als Ebook erscheint wohl ein herber Rückschlag. Dann muss die Tatsache, dass das neue Projekt nur als fucking Ebook erscheint eine Indiz dafür sein, dass das eigene Leben nicht einfach, schmerzhaft, kurz: ein Autorenleben sein muss. "Ach Leben, du bist der Wahnsinn" schreit man dann aus, warum auch immer.

Das Schreiben als revolutionärer Akt

Das heißt nicht, dass das Leben eines Autors oder einer Autorin per se ein Leben voller Leid sein muss. Viel mehr geht es darum, wie bestimmte Narrative umgekehrt, auf die eigene Lebensgeschichte projeziert, und dadurch bagatellisiert werden. Der Hashtag Autorenleben, ein Hashtag mit derzeit immerhin 242.000 Beiträgen, zeigt diese Art der verkehrten Narrative auf einsichtige Art und Weise. Da ist zum Beispiel der introvertierte Schriftsteller-Typus, hier dargestellt durch eine Joggerin, die kurz Pause macht und Arme in die Luft wirft (vermutlich streckt sie sich). Der Text zum Bild: "Ich bin sehr #introvertiert , und das ist in Ordnung. Als #autorin ist das nicht unüblich ist, aber etwas unpraktisch, muss ich zugeben". Unpraktisch sei dies vor allem, so der Text weiter, da, wer sich stärker zeigt und mehr mit der Welt interagiert, auch eher gesehen wird. "Und gesehen zu werden ist als #autor essenziell". Das weiß man schon lange. Schon Dostojewski zog durch die Petersburger Nächte, nur um als Autor endlich gesehen zu werden. Noch einmal: Was bedeutet ein Autorenleben?

Durch all diese Darstellungformen wird das Schreiben als revolutionärer Akt unterminiert. Denn was Schreiben im Falle des Hashtags Autorenleben nicht mehr bedeutet, ist, sich zurückzuziehen, sich der Außenwelt zu entziehen, sich zu hermetisieren, nicht mehr teilzunehmen. Der revolutionäre Akt des Schreibens liegt ja gerade hier, im Gefühl der notwendigen Abkehr, der Distinktion. Das Schreiben (als revolutionärer Akt) ist eben keine Hochglanztätigkeit. Es folgt nicht der Logik des Abziehbildes, nicht der Konsequenz mit der man Markt macht, nicht den Algorythmen, nicht der aufgeräumten Einfamilien-Bude, nicht dem sauberen Tisch. Dieses Schreiben und deren Schreibende sind ganz und gar Instagram-Untauglich, man weiß nichts von ihnen. Ein Autorenleben, dass könnte doch sein, ist ein nicht nach den ersten fünf aufgeschriebenen Sätzen in die Öffentlichkeit getragenes Leben. Ein Autorenleben ist kein Poetry-Slam-Leben. Es reimt sich nicht, es reibt sich. Es funktioniert nicht ohne Unterbrechungen, wie es Apple oder Mikrosoft versprechen. Es lässt keine Produkte vom Himmel regnen, wie es die westliche Welt uns glauben machen will.

Vielleicht sind der Autor, die Autorin, widerständig gerade dann, wenn sie nicht zu sehen sind. Die innere Notwendigkeit sich dem Prozess hinzugeben, die innere Notwendigkeit sich dem Produkt-Wahn zu verwehren; die Überzeugung, dass ein Foto nicht repräsentieren kann, was sich in der schriftstellerischen Arbeit ereignet, der Selbstausschluss, gerade dies sind die nicht wahrnehmbaren Momente eines Autorenlebens.

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